Kant und der globale Bewusstseinswandel

Immanuel Kants Philosophie wird oft kritisiert als zu kopflastig. Es geht sehr viel um Vernunft und Verstand bei ihm. Wie man den kategorischen Imperativ überhaupt anwenden soll, ist oft die Frage. Immanuel Kants Leben spielte sich großteils ein seinem Geburtsort Königsberg ab. Seine Transzendentalphilosophie wurde von ihm in dieser Stadt entwickelt. Obwohl er seinen Heimatort beinahe nie verließ, verbreiteten sich seine Theorien um die ganze Welt



Porträt von Immanuel Kant (Quelle)
Kant schien also nicht die Welt beobachten zu müssen, um interessante Theorien über sie aufstellen zu können. Er musste nicht nach außen gehen. Vielmehr bediente er sich seines Inneren. Seines Verstandes, seiner Vernunft und seiner Kontemplationsfähigkeit. Hier könnte man natürlich spirituelle Parallelen ziehen. Denn woher kamen diese Gedanken? Kant hörte in sein Inneres und erhörte Aussagen über sich selbst, über den Menschen und über die Welt.

Sowohl apriorische Wahrheiten, wie auch die ethischen Grundpflichten, kommen aus der Vernunft, laut Kant. Durch vernünftiges Nachdenken kann man also auf Wahrheiten kommen. Analytische Wahrheiten sind alleine schon durch ihre Verfasstheit richtig. Die Grundfrage seiner Kritik der reinen Vernunft lautet nun: Sind synthetische Urteile a priori möglich? In anderen Worten: Kann man wahre, gehaltserweiternde Schlüsse rein aus der Vernunft ziehen? Oder allgemeiner: Kann man Wahrheiten in sich finden und wissenschaftliche Fortschritte erzielen, ohne dass man auf die Empirie, also auf die Erfahrungen in dieser Welt zurückgreift? Man lässt also die Welt der Sinne zurück und begibt sich in die Welt der Vernunft, auf der Suche nach allgemeingültigen Wahrheiten.

Es fällt nicht schwer, die Ähnlichkeit dieser Herangehensweise mit der einiger Religionen oder auch spiritueller Richtungen zu erkennen. In der Religion ist diese innere Stimme die Stimme Gottes. Sie spricht zu einem, kann manchen Menschen ganze Bücher ansagen, sie verkündet die Wahrheit des Lebens. Natürlich ist das eine verkürzende Darstellung und es gibt sehr große Unterschiede zwischen den einzelnen Glaubensgemeinschaften. In vielen Religionen ist es auch eben nicht so, dass jeder diese Stimmen hören kann, sondern dass es Propheten oder Päpste gibt, die einen näheren Draht zu jenen ewigen Wahrheiten besitzen wollen.

Das spirituelle Pendant zu einer solchen Herangehensweise ist das Channeling. Da wird auch von Personen gesprochen, die als Medium besonderen Zugang zu diesen Wahrheiten haben sollen. Laut Wikipedia:

"Medium (auch Channel genannt) bezeichnet eine Person, die von sich behauptet, die Botschaften von übernatürlichen Wesen wie Engeln, Geistern oder Verstorbenen zu empfangen oder sonstwie "nicht-physikalisch" Wahrnehmungen zu haben oder auf die Umwelt Einfluss nehmen zu können."

Sowohl Christen, als auch andere spirituelle Gruppierungen glauben also daran, dass es Engel, Geister oder andere übersinnliche Wesen gibt, zu denen man Kontakt aufnehmen kann und die dann Wahrheiten übermitteln. Um zurück zu Kant zu kommen: Bei Kant kommen diese Wahrheiten aus der Vernunft. Man könnte getrost einmal versuchen, "Vernunft" durch das Wort "Gott" zu ersetzen. Gerade in der obigen Wikipedia-Definition wird von nicht-physikalischen Wahrnehmungen gesprochen. In anderen Worten also von apriorischen Wahrheiten.
War Kant der Spiritualität näher, als er glaubte?

Eine weiterer wichtiger Punkt ist die intelligible Welt. Kant sah den Menschen als Bürger von zwei Welten an. Einmal der empirischen, also der Erfahrungs- oder Sinnenwelt. Diese Welt erleben wir tagtäglich. Andererseits als Bewohner der intelligiblen Welt, die sich jenseits der Sinne abspielt. Menschen seien Wesen, die vernunftbegabt und auch Teil dieser Vernunftwelt sind. Kant schreibt:

"Denn vernünftige Wesen stehen alle unter dem Gesetz, daß jedes derselben sich selbst und alle anderen niemals bloß als Mittel, sondern jederzeit zugleich als Zweck an sich selbst behandeln solle." (Quelle)

Kant schreibt dabei ausdrücklich von vernünftigen Wesen. Er schreibt nicht "Menschen". Menschen seien zwar solche Wesen. Aber meinte Kant damit, dass es auch andere Wesen gäbe, die vernunftbegabt sein können? Eventuell sogar Wesen, welche nur Bewohner der intelligiblen Welt, also jenseits der Sinnenwelt sind?

Dass Kant sich dieser Wortwahl bedient und allgemein über Wesen spricht zeigt, dass er es zumindest nicht ausschließen wollte. Somit bleibt die Frage offen: Konnte Kant von Königsberg aus Kontakt mit diesen Wesen aufnehmen und so auf Wahrheiten kommen, die anschließend die Welt bewegen würden? Vernahm Kant durch Meditation und Kontemplation die Stimmen jener anderen jenseitigen Wesen? War Kant der Prophet einer Glaubensgemeinschaft? Oder war es nur die christliche Erziehung, welche in die Formulierungen seiner Philosophie religiösen Dogmen einfließen ließ? Wir werden es vermutlich nie wissen.

Spannend im Zusammenhang mit Spiritualität ist noch, dass bereits Immanuel Kant in seinen Worten über den globalen Bewusstseinswandel sprach. Bei ihm hieß das halt Aufklärung:

"Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Muthes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Muth, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung." (Quelle)
Die Hoffnung des globalen Bewusstseinswandels ist doch, dass wir die selbstverschuldeten und uns selbst unterdrückenden Systeme aufbrechen und uns durch eigene Verantwortung und durch Aufklärung in andere, bessere Systeme bewegen.
Einer, der diese Schritte hin zum Bewusstseinswandel bereits gegangen zu sein scheint, ist der österreichische Kabarettist Roland Düringer. Vom Motorsport- und Konsumweltbegeisterten hat er seinen Lebensstil komplett umgekrempelt. Einblicke in seinen Wandlungsprozess und seine Zukunftsvisionen kann man in diesem Brief nachlesen. Dort kann man zum Beispiel folgendes lesen:

"Sollte am 21.12.2012 die Welt überraschender Weise nicht untergehen oder der erhoffte kosmische Bewußtseinswandel unserer Spezies ausbleiben, ist es wohl an der Zeit, Eigenverantwortung zu übernehmen. Ich werde also selbst Entscheidungen und damit eine Wahl treffen. 2013 werde ich mir eine GÜLTIGE STIMME verleihen und sie behalten, auch wenn man mich auffordern wird, sie wieder abzugeben. Ich werde täglich eine Wahl treffen, indem ich gewisse Dinge abwählen werde und werde versuchen, Schritt für Schritt Systemen Energie zu entziehen, indem ich sie nicht mehr benütze oder ihre Produkte nicht mehr nachfrage. Mein Plan ist es, aus Systemen ganz oder zumindest soweit auszusteigen, dass sie mir nur mehr als Werkzeug dienen. Wohlgemerkt: sie mir und nicht ich ihnen diene."
Wobei sich der kosmische Bewusstseinswandel, der Untergang der Welt so wie wir sie kennen, die Übernahme der eigenen Verantwortung und Aufklärung ja nicht ausschließen müssen.


In diesem Sinne:
Haben wir Mut zum globalen Bewusstseinswandel! Haben wir Mut zur Aufklärung! Sapere aude!

Ich wünsche einen guten Rutsch ins neue Jahr 0!

Freiwilliges bedingungsloses Grundeinkommen (FBGE)

Über das bedingungslose Grundeinkommen (BGE) wurde schon viel geschrieben und diskutiert, so auch von mir. Das BGE soll dabei ein Einkommen sein, das an alle Bürger ausgezahlt wird, egal, was diese tun. Jeder Bürger bekommt die gleiche Summe, egal ob er arbeitet, arbeitslos ist oder auch sehr vermögend ist. Ich bin der Meinung, dass gute Ideen auch freiwillig funktionieren müssten. Das Problem beim ursprünglichen BGE ist nämlich, dass, wenn man nichts am tatsächlichen Geldschöpfungsprozess verändern möchte, es über Steuern bezahlt werden müsste. Natürlich werden auch solche Systeme angedacht, die durch die Geldschöpfung schon ein BGE inkludiert haben (z.B. dieses hier).

Möchte man jedoch ein BGE über Steuern finanzieren und am derzeitigen Geldsystem nichts ändern, so hängt das immer damit zusammen, andere zum zahlen zu zwingen. Dieser Zwang löst meist genau das aus, was man auch heute beobachten kann: Reiche Personen oder Unternehmen versuchen, diesem Zwang zu entgehen, sei es durch Steuerflucht in Steueroasen, Hinterziehung oder durch halblegale kreative Bilanzierungstechniken. Das bedingungslose Grundeinkommen ist beim derzeitigen Geldsystem an die Bedingung gebunden, dass es für jemanden anderen eine bedingungslose Ausgabe darstellt!

Wenn man diesem Zwang entgehen möchte, so sollte man versuchen, das BGE auf freiwilliger Basis einzuführen. Man könnte einen Verein oder eine Institution gründen. Das ist die Idee des freiwilligen bedingungslosen Grundeinkommens (FBGE). Wer Mitglied wird verspricht, einen gewissen Prozentsatz seines Einkommens in einen Topf einzuzahlen. Das Geld in diesem Topf wird dann durch die Anzahl der Mitglieder dividiert und an diese ausgezahlt. Kann ein solches Konzept funktionieren?



Nehmen wir an, es werden zwei Personen Mitglieder. Einer verdient 1000 Euro im Monat, es sollen 10% eingezahlt werden und somit zahlt er 100 Euro. Ein Zweiter ist sehr arm und verdient nur 100 Euro im Monat. Er zahlt 10 Euro in den Topf. Dann sind 110 Euro im Topf. Durch 2 dividiert ergibt einen Auszahlungsbetrag von 55 Euro. Person 1 zahlt also 100 Euro ein und bekommt 55 Euro BGE, zahlt also netto 45 Euro. Person 2 bekommt 55, also netto eben genau diese 45 Euro. Es klingt zunächst absurd, dass das funktionieren könnte.

Man sieht schon, warum der Reiche nicht dazu tendieren wird, mitzumachen und warum man ihn durch eine Steuer vermutlich zwingen müsste. Es ist ja dies auch eigentlich die Idee unserer Steuern, dass Menschen, die mehr verdienen einen höheren Beitrag zahlen und dieses Geld als Ausgleich für den ärmsten Teil der Bevölkerung zur Verfügung gestellt wird. Dass es heute sowohl von sehr reichen, als auch von sehr armen Leuten missbraucht werden kann und wird oder diese Steuergelder auch von den Verwaltern des Gemeinwesens, also den Politikern, verspekuliert, unterschlagen oder schlecht verwaltet werden, ist eine andere Diskussion.

Aber sehen wir nochmal hin: Person 1 verdient 1000 Euro und verliert nur 45 davon. Person 2 verdient 100 Euro und gewinnt 45 Euro. Person 2 konnte sein Gehalt um 45% steigern. Person 1 hat jedoch nur 4,5% seines Einkommens verloren! Prozentuell gesehen ist es für den Armen ein sehr großer Vorteil und für den Reichen ein geringer Nachteil! Der Reiche würde also nicht viel verlieren und könnte einen wichtigen Ausgleich leisten. Für ihn wäre ein Vorteil auch die soziale Sicherheit, denn Gesellschaften, die sehr ungleich sind, sind meist nicht sehr angenehme und lebenswerte Orte, weder für arm noch für reich.


Vor kurzem hatte ich mit einer Freundin eine Diskussion über Sparbücher. Sie meinte, sie lege ihr Geld lieber aufs Sparbuch, als in andere Wertanlagen, weil sie so jederzeit wieder auf das Geld zurückgreifen könne. Im Normalfall, wenn nicht sehr viele Menschen das gleichzeit versuchen (Bankrun), funktioniert das auch. Die Zinsen wären für sie nebensächlich, sie bräuchte diese eigentlich gar nicht, denn sie wolle das Geld nur sicherer als zuhause lagern, um es später wieder verwenden zu können. Könnte das obige BGE-Konzept hier eine Möglichkeit darstellen? Das FBGE könnte innerhalb eines freiwillig organisierten Vereins diese Sicherheit, die heute eher rechtlich oder auf Steuern und Staatsgewalt basiert suggeriert wird, wieder auf soziale Beine stellen. Da es freiwillig wäre, könnte auch niemand etwas hinterziehen. Natürlich kann es sein, dass man einmal mehr einzahlt. Dafür kann man in Notzeiten auch zum Nettoempfänger werden.

Was denkt ihr darüber? Ich habe in meiner WG einen Versuch gestartet und es haben derweil alle, ob reich oder arm, freiwillig mitgemacht.

----
Update: Meine Erfahrungen aus fünf Monaten FBGE könnt ihr hier durchlesen!

Die Kirche als Werbefläche

Wäre es nicht schön, wenn man eine Sehenswürdigkeit dafür verwenden könnte, Werbung für einen zu machen? Wenn man öffentliche Plätze vereinnahmen könnte für die eigene Sache? Geht nicht? Geht schon!

Wenn man als Tourist nach Wien kommt und sich die Votivkirche ansehen möchte, wird der Blick durch eine große Plakatwand abgelenkt:


Auf dem Foto sieht man die große Werbefläche. Normalerweise ist dort nicht Werbung für Werbung, sondern Werbung für andere Produkte zu sehen. Jetzt kann man das selbstverständlich entschuldigen: Da steht halt sowieso durch die Renovierung das Baugerüst davor. Durch die Werbung kann die Renovierungsarbeit verbilligt werden für die Kirche.
Geht man auf die Rückseite, so sieht man auch tatsächlich Arbeiter beim Wiederherstellen der Kirchenmauer:

So muss ein Baugerüst aussehen, wenn man an der Kirche wirklich arbeiten möchte, was dort auch geschieht. Plattformen reichen bis an die Mauer. Doch werfen wir mal einen Blick auf die Rückseite des Gerüsts, an dem die Werbung angebracht ist:

Es fällt auf, dass dieses zu weit von der Wand entfernt steht und keine Plattformen tatsächlich zur Kirche reichen. Von der anderen Seite betrachtet:


Da wird auf der Vorderseite gar nicht renoviert. Das Gerüst steht nur deshalb dort, um die Werbung großflächig anzeigen zu können!

Jetzt könnte man meinen: Na und? Ja, es ist eh nichts dabei, wenn eines der schönsten Wahrzeichen Wiens zur Werbefläche privater Anbieter geworden ist. Wenn Touristen nicht mehr die Kirche im Original bewundern können sondern nur auf eine große Werbetafel schauen müssen. Warum ist uns diese Idee nicht gleichgekommen? Wir könnten sämtliche unserer Wahrzeichen, historischen Orte und Gemeinschaftsflächen mit Plakatwänden umstellen und monetarisieren.

Gute Idee, oder?


Warum muss die Wirtschaft wachsen?

Es vergeht kein Tag, an welchem man nicht aus den Medien hört: "Die Wirtschaft befindet sich wieder auf Wachstumskurs" Oder: "Wirtschaftswachstum bricht ein". Wirtschaftswachstum ist zum heiligen Gral unserer Gesellschaft geworden. Man wird kaum einen Politiker sagen hören, er wäre gegen Wirtschaftswachstum. Die Menschheit produziert gleichzeitig mehr Güter denn je. Viele haben ebenso das Gefühl, immer mehr zu arbeiten, immer mehr in kürzerer Zeit erledigen zu müssen. Doch warum muss unsere Wirtschaft immer mehr wachsen? Muss sie es überhaupt? Wer spricht über Wirtschaftswachstum und was muss da überhaupt wachsen?

Eine kurze Antwort: Sie muss es nicht!

 

Die kurze Antwort auf die gestellte Frage: Sie muss es nicht. Wirtschaftswachstum ist kein Muss. Wenn jemand erzählt, die Wirtschaft müsse notgedrungen wachsen, so tut er dies entweder aus Unwissenheit, aus einer Lüge heraus oder weil er nur nachplappert. Es ist vielmehr aus gesellschaftlicher Sicht der Glaube an den Fortschritt, welcher auch mit dem Wachstum verbunden ist. Der Fortschrittsglaube, welcher sich auch als American Dream äußert, ist der Gedanke, dass es den Kindern auf jeden Fall einmal ökonomisch besser gehen wird als einem selbst. Wir wollen auch Wirtschaftswachstum, weil es uns mehr Wohlstand verspricht. Doch dieses Wollen ist sicherlich kein Müssen. Eine stationäre Wirtschaftsform ist zumindest denkbar. Warum glauben so viele, die Wirtschaft müsse wachsen?

Eine längere Antwort: 

 

Wenn man von Wirtschaftswachstum spricht so muss man zuerst fragen, was da wachsen soll. Was ist hier mit Wirtschaft gemeint und warum soll sie wachsen?

BIP

 

Üblicherweise wird Wirtschaftswachstum mit Wachstum des Brutto-Inlandsprodukts gemeint. Wie verhält es sich mit diesem? Das BIP ist nach der Definition der Geldwert aller in einem Jahr in einem Land produzierten Güter und Dienstleistungen. Hier sieht man schon ein Problem: Es sind Geldwerte, welche wachsen sollen, also Preise. Höhere Preise sagen jedoch nicht aus, dass mehr Wohlstand herrscht. Ebenso wird nicht gesagt, welche Güter und Dienstleistungen hergestellt wurden. Das BIP als Kennzahl wird unter anderem kritisiert, weil zum Beispiel der Bau von Gefängnissen oder von Waffensystemen ebenfalls einfließt. Oder private Sicherheitsdienste. Oder etwa mehr Krankenhausaufenthalte. Wie es den Kindern besser gehen soll, wenn mehr Waffen auf den Straßen sind oder wenn sie öfter im Spital liegen, darf hinterfragt werden. Das BIP ist eine Zahl und als solche vereinfacht sie stark von den Gegebenheiten und Zuständen einer Gesellschaft.
Man hat versucht, durch Inflationsanpassungen das reale BIP zu berechnen und so dem Problem des wandelnden Geldwertes Herr zu werden. Warum Inflation jedoch selber eine vereinfachende und problematische Zahl ist, habe ich schon an anderer Stelle beschrieben. Sowohl BIP, als auch Inflationsberechnung scheinen vielmehr politisch gewählte Zahlen zu sein, um Privatinteressen auf gesellschaftspolitischer Ebene durchsetzen zu können. Wenn also jemand über Wirtschaftswachstum und BIP spricht, so darf man hellhörig werden und sich fragen, welche Konsequenzen er daraus ziehen möchte. Wem nützt die vorgeschlagene Aktion daraufhin wirklich?

Güter

 

Man kann bei Wirtschaftswachstum auch an Wachstum von verfügbaren Gütern denken. So gesehen würde ein Anwachsen der Wirtschaft auch ein Wachsen des Wohlstandes bedeuten, vorausgesetzt natürlich, die Güter würden wirklich gebraucht. Wenn man jedoch keinen wachsenden Wohlstand braucht und man zufrieden ist mit der derzeitigen Lebenssituation, so braucht man keinen Güterwachstum, sondern höchstens Erhalt und Ersatz der alten Güter.

Schuld

 

Ein Punkt im Zusammenhang mit Wirtschaftswachstum ist die Schuld. Dadurch, dass unser Geld durch Kredit in Umlauf kommt, muss jeder Geldverwender indirekt über die Preise diese Kredite wieder begleichen. Die Schulden müssen immer mehr anwachsen und werden nur zwischen den Wirtschaftsteilnehmern hin und hergeschoben, bis sie schlussendlich bei denen landen, die sich am schlechtesten wehren können, also meistens bei den Staaten. Dieser Wachstumszwang ist schlussendlich der Zwang, immer mehr und in immer kürzerer Zeit zu verkaufen. Gäbe es diese Überschuldung nicht, gäbe es auch keinen Wachstumszwang. So gesehen muss die Wirtschaft tatsächlich wachsen. Dies könnte man durch einen allgemeinen Schuldenerlass und ein neues Geldsystem verhindern.

Konkurrenz

 

Ein weiteres Argument, welches im Zusammenhang mit Wirtschaftswachstum gebracht wird: Wir stehen als Land und Wirtschaftsstandort in einer weltweiten Konkurrenzsituation. Durch die Offenlegung unserer Märkte und der internationalen Verzahnung der Wirtschaft müssen unsere Unternehmen und unsere Wirtschaftsleistung wachsen, weil ansonsten die Konkurrenz stärker wächst. Einerseits kommt es jedoch nicht auf die Größe von Unternehmen an. Auch kleinere und mittlere Unternehmen können weltweit gute Produkte betreiben und das oft besser als große. Man sollte hier zwischen qualitativem und quantitativem Wachstum unterscheiden. Eines ist klar: In unserer derzeitigen, politisch auch so eingerichtet und gewollten Situation, ist es für ein Unternehmen fatal, wenn es nicht qualitativ wächst. Werden die Produkte schlechter im Vergleich zur Konkurrenz, so geht der Kunde eben zu dieser. Einkommenseinbußen, Bankrotte und Arbeitslosigkeit ist die Folge. So gesehen ist der Wachstums- und Innovationszwang durch die internationale Konkurrenz gegeben. Wachsen wir nicht, so wachsen die. Doch diese Konkurrenzsituation ist gewollt. Erst durch sie kommt es zu diesem Wachstumszwang. Quantitatives Wachstum ist dahingegen in dieser Situation notwendig, weil eine große Unternehmung auch mehr Marktmacht bedeutet. So sind es oft nicht die technisch besten Produkte, welche sich am internationalen Markt durchsetzen, sondern die jener Unternehmen, welche eine größere Marketingmaschinerie besitzen und die beispielsweise auch Medien in der Eigentümerstruktur intergrieren, die dann die notwendige Propaganda liefern können. Der Wille zum Wachstum ist so gesehen ein Wille zur Macht.

Wer spricht über Wirtschaftswachstum?

 

Anschließend kann man sich überlegen, wer denn die Akteure sind, welche über das Wachsen der Wirtschaft sprechen. Da sind einmal die Politiker. Von diesen werden immer Horrorszenarien an die Wand gemalt, sobald die Wirtschaft - und sie meinen das BIP - nicht mehr wächst. Weshalb ist das so? Da sämtliche westliche Staaten hoch verschuldet sind, sind sie von Steuereinnahmen abhängig. Sinkt die Wirtschaftsleistung, so sinken auch die Steuereinnahmen. Ein hohes Wirtschaftswachstum verspricht hohe Steuern und leichtere Zinszahlungen. Von den Verwaltern des Gemeinwesens muss diese ständige Forderung nach mehr Wachstum kommen, wenn sie in ihrem System die Schulden begleichen wollen.
Wer spricht noch über Wirtschaftswachstum? Industrielle. Diese fordern Wachstum oft aus Partikulärinteressen heraus. Sie sind Gewinnmaximierer und stehen unter Konkurrenzdruck. Aus diesem Grund ist bei ihnen die Forderung nach Wirtschaftswachstum oft eine nach gesetzlicher Andersregulierung und Abschaffung von Gesetzen, welche die Arbeiterschaft betreffen. Sie wollen ihre Märkte ausweiten und treten für Freihandel ein. Wirtschaftswachstum ist hierbei oft der Deckmantel für persönliche Bereicherung.Schließlich gibt es noch Journalisten und Wirtschaftswissenschaftler, die Wirtschaftswachstum fordern. Erstere sind von den Industriellen finanziell abhängig, Zweitere von den Politikern. Das Credo des Wachstums wird aufgrund dieser Abhängigkeit nur selten hinterfragt.

Das Problem mit dem Bevölkerungswachstum

 

Weiters gibt es noch das Argument des Bevölkerungswachstums. Wenn neue Menschen diesen Planeten betreten, so muss mehr produziert werden, um diesen einen ebenso großen Lebensstandard bieten zu können. Dabei ist wiederum das Güterwachstum und nicht das BIP-Wachstum ausschlaggebend. Außerdem wird oft übersehen, dass diese zusätzlichen Menschen ebenfalls arbeiten und produzieren können, also im besten Fall sich selbst zusätzlich erhalten. Man könnte dieses Argument jedoch so stehen lassen: Möchte man einen gleichbleibenden Lebensstandard für alle, so muss die Wirtschaft auch für diese Menschen wachsen.


Nicht Wachstum, sondern Verteilung

 

Eine besonders spannende Sicht auf das Thema bieten die beiden Autoren Pickett und Wilkinson in ihrem Buch "The Spirit Level: Why More Equal Societies Almost Always Do better". Sie haben Daten verschiedenster Staaten über lange Zeit analysiert und sind zusammenfassend auf folgende Ergebnisse gestoßen:
  • Bei armen Staaten kann man eine Korrelation zwischen zusätzlichem BIP-Wachstum und einer deutlichen Verbesserung der Lebensqualität (Lebenserwartung, Kindersterblichkeit, Drogenabhängigkeit, Gewalt und Verbrechen, Chancengleichheit und andere Variablen) erkennen.
  • Vergleicht man jedoch reichere Staaten, so scheint nicht mehr zusätzliches BIP-Wachstum den Unterschied zu machen, sondern wie sehr der Reichtum innerhalb der Gesellschaft verteilt ist.
  • Staaten, in denen die "Oben" um einiges mehr verdienen als die "Unten", wo also die Einkommen sehr ungleich verteilt sind, haben insgesamt viel schlechtere Lebensqualität als jene Staaten, welche gleicher sind.
  • Das ist unabhängig von kulturellen Eigenheiten. USA, Portugal und Singapur haben große Ungleichheiten und stehen generell schlecht da. Schweden und Japan haben die niedrigsten Einkommensdifferenzen und die höchsten Lebensstandards.
  • In gleicheren Staaten leben auch die Reicheren beispielsweise länger. Eine ungleiche Gesellschaft bietet auch für die "Oben" einen schlechteren Standard.
  • Das Fazit aus jahrelanger intensiver Forschungsarbeit an Hand von vielen unterschiedlichen Statistiken: Gleichere Einkommensverteilung korreliert mit besserem Lebensstandard für alle, BIP-Wachstum scheint ab einem gewissen Level nicht mehr ausschlaggebend zu sein.
Dieses Buch liefert interessante Kritikpunkte am ewigen Wachstumsparadigma und durchbricht mit der Vorstellung, nur BIP-Wachstum alleine wäre wichtig. Ob die Korrelation von Lebensstandard und Einkommensverteilung eine kausale Verbindung zulässt, oder ob ein dritter Faktor ausschlaggebend ist, müsste jedoch noch genauer untersucht werden.

Die ökologische Sicht

 

Schließlich gibt es noch die ökologische Sicht. Wenn ein Baum nicht mehr wächst, so stirbt er. Der Vergleich ist natürlich ein hinkender, weil die Gesellschaft einfach kein Baum ist und für sie andere Regeln gelten. Denn wenn eine Gesellschaft stirbt, so bedeutet das oft einfach nur eine Veränderung der Kultur und der gesellschaftlichen Regeln und nicht unbedingt ein Aussterben der physischen Menschen. Nichts kann in den Himmel wachsen. In einem endlichen System muss Wachstum irgendwann stoppen, auf die eine oder andere Art. Man muss hier an die Geschichte des Turmbaus zu Babel denken.

Turmbau zu Babel (Quelle: Wikimedia)
Diese Geschichte aus dem alten Testament warnt schon metaphorisch vor dem Wachstumsgedanken. Wenn man zu hoch wächst, bringt das nur Unheil. Auch der Club of Rome warnte vor dem ewigen Wachstumsgedanken. Und Thomas Malthus prophezeite, dass der Mensch aufgrund seiner starken Vermehrung an die ökologischen und ökonomischen Grenzen stoßen werde. Die Überfischung der Meere, das durch den Menschen bedingte Aussterben immer mehr Lebewesen und schlussendlich der Klimawandel sind bedenkliche Entwicklungen, welche die Grenzen des quantitativen Wirtschaftswachstums aufzeigen. So gesehen muss der Gedanke des ewigen Wachstums irgendwann aufgegeben werden. Ohne Planet gibt es auch keine Wirtschaft. Das Wirtschaftssystem ist ein Subsystem des ökologischen Systems und es ist auf dieses angewiesen.

Fazit

 

Wirtschaftswachstum ist nicht Wirtschaftswachstum. Gerade bei statistischen Zahlen zum Wachstum ist Vorsicht geboten. Das BIP dient sehr schlecht zur Bewertung von Wirtschaftswachstum. Oft dient die Rede vom ewigen Wirtschaftswachstum nur Einzelinteressen und man darf bei jeder Nachricht nicht auf den Sender vergessen. Unser heutiges Schuldgeldsystem und die damit verbundene Überschuldung von Staaten und Privaten kann als eine der Ursachen des vermeintlichen Wachstumszwanges gesehen werden. Nicht nur Wachstum, sondern auch Verteilung haben großen Einfluss auf die Lebensqualität. Ewiges quantitatives Wachstum wird sowieso irgendwann an seine ökologischen Grenzen stoßen. Es gilt, vorher schon auf qualitative Veränderung der Wirtschaft umzustellen und dem Wachstumsgedanken Einhalt zu gebieten

Wie verändert man die Welt?

Vor einigen Jahren hatte ich eine Diskussion mit anderen WU-Studenten. Es ging um die Erforschung des Weltalls. Einer meinte, er fände es pervers, dass wir so viel Geld in die Erforschung fremder Welten stecken, während hier auf der Erde noch Menschen verhungern. Die Antwort eines anderen war gefährlich stichhaltig: "Das Geld fliegt ja nicht ins Weltall sondern bleibt sowieso auf der Erde!"

Blick auf die Erde von der Apollo 17

Diese Antwort ist deshalb erwähnenswert, weil sie einerseits so verlockend überzeugend ist, andererseits in dieser einfachen Verblendung für die Verwirrungen der Wirtschaftswissenschaften steht. Denn was ist der Fehler an diesem Gedanken?
Der Fehler besteht darin, den Zusammenhang zwischen Produktion und Verteilung nicht zu sehen. Das Geld bleibt auf der Erde, das stimmt. Aber das Geldsystem ist ein Verteilungssystem, ein Machtsystem. Mithilfe des Geldsystems wird geregelt, wer, was, wo, wie und für wen produziert. Fließt Geld in die Erforschung des Weltalls, so fließt es nicht in die Welternährung. Anstatt Essen werden Raketen produziert. Aber wenn das so ist: Wer hat die Macht, Dinge auf der Welt zu verändern? Wer entscheidet denn, was produziert wird?

Zum Thema Macht lässt sich folgendes sagen: Sie ist eine Relation. Es gehören immer zwei dazu. Macht ist nichts, was eine Person einfach hat. Sondern eine Person beansprucht sie für sich und eine andere gibt sie ihr. Diese erkennt sie an und befolgt die gegebenen Befehle. Das haben schon viele Wissenschaftler erkannt, zum Beispiel auch Ludwig von Mises:

"Keine Gewalt vermag den Einzelnen unmittelbar in die Zwangsgemeinschaft einzufügen. Gewaltanwendung und Gewaltandrohung vermögen wohl eine Lage zu schaffen, in der dem Einzelnen das Gehorchen und das Sichfügen vorteilhafter erscheinen als die Auflehnung und der Ungehorsam. Vor die Aufgabe gestellt, zwischen den Folgen der Auflehnung und den Folgen der Unterordnung zu wählen, entscheidet er sich für die Unterwerfung und gliedert sich damit in den herrschaftlichen Verband ein. Jeder einzelne Befehl stellt ihn immer wieder vor dieselbe Wahl." (Ludwig von Mises, Nationalökonomie, Theorie des Handelns und Wirtschaftens, buchausgabe.de: Flörsheim, 2010, Seite 182f)
Hannah Arendt drückt diesen Gedanken folgendermaßen aus:

"Über Macht verfügt niemals ein Einzelner; sie ist im Besitz einer Gruppe und bleibt nur solange existent, als die Gruppe zusammenhält. Wenn wir von jemand sagen, er »habe die Macht«, heißt das in Wirklichkeit, daß er von einer bestimmten Anzahl von Menschen ermächtigt ist, in ihrem Namen zu handeln. In dem Augenblick, in dem die Gruppe, die den Machthaber ermächtigte und ihm ihre Macht verlieh (potestas in populo - ohne ein »Volk« oder eine Gruppe gibt es keine Macht), auseinandergeht, vergeht auch »seine Macht«." (Hannah Arendt, Macht und Gewalt, Piper: München, 20.Auflage 2011, Seite 45)
Man könnte es auch so formulieren: In genau dem Augenblick, in welchem wir jemanden als mächtig bezeichnen, manifestieren wir auch den Machtgedanken und damit die Anerkennung der Macht!
In meiner zweiten Diplomarbeit habe ich schon herausgearbeitet, was diese Anerkennung für das Geldsystem selber bedeutet! Die heutige weltweit dominierende Machtstruktur ist der Kapitalismus. Die Befehle, die erteilt werden, gehen von den Geldbenutzern und den Preisgestaltern aus. Mit jedem Euro, den wir selber ausgeben, geben wir solche Befehle ab. Ändern wir unsere Befehle, so ändern wir die Welt.


Die Welt verändern soll heißen: Das Verhalten der Menschen verändern. Die Welt verändern bedeutet, unproduktives, unnachhaltiges, unzielführendes, ineffizientes Verhalten in sein Gegenteil zu verkehren. Am besten verändert man die Welt heute über das Geld und über den Markt. Denn das Geld ist zum weltweiten Vermittler und Herrscher geworden. Man kann heute, wenn man die Mittel hat, alles am Markt kaufen. Es gibt nur wenige Dinge, die nicht erwerbbar sind. Dinge, die heute nicht kaufbar sind, sind vermutlich noch nicht machbar. Diese Effizienz des Marktes ist, wie bekannt ist, sein Fluch und sein Segen zugleich. Wenn alles auf dem Markt kauf- und verkaufbar ist, so wird der Sinn dieses effizienten Getriebes von den Käufern, den Konsumenten, den Geldgebern gesteuert. Durch unseren kollektiven Konsum steuern wir, was produziert, was geleistet wird! Deshalb liegt eine Lösung der heutigen Probleme der Welt: Hunger, Krieg, Ausbeutung, Unfreiheit,... darin, unser Verhalten und besonders unser Konsumverhalten zu verändern. Denn durch die Konsumausgaben verändern wir das Verhalten anderer!


Der Imperativ in der heutigen, geldgesteuerten, Welt lautet also: Wenn ich möchte, dass etwas geschieht, dann muss ich dafür zahlen!
Zahle ich nicht dafür, dann möchte ich auch nicht, dass es geschieht. Wenn ich für etwas zahle, so möchte ich, dass es geschieht!

Wir übernehmen nur allzu selten die Verantwortung über diese Welt. Wir fragen uns oft: "Wie konnte das Dritte Reich geschehen?" und zeigen an uns selbst, wie es weltweit heute in abgewandelter Form geschieht. Anstatt alles daran zu setzen, dass kein Kind mehr verhungert, kaufen wir uns lieber ein neues Handy und sehen gar nicht den Zusammenhang. Wir glauben, unschuldig zu sein. Dabei ist es enorm aufwändig, ein Handy zu produzieren. Würden wir mit unseren ausgegebenen Euros befehlen, dass dieser Aufwand in die Erfüllung der Grundbedürfnisse der Menschen (Wohnen, Essen, Gesundheit) weltweit gesteckt wird, so würde es geschehen. Aber wir schauen lieber weg und denken uns: "Na sollen sie halt Kuchen essen". Was ist der Fortschritt wert, wenn er nur einer Minderheit hilft? Kann man das überhaupt Fortschritt nennen?
Wenn ich weiß, dass Kinder ausgebeutet werden beim Zusammenbau von Handys und ich mir ein solches Handy dann kaufe, so unterstütze ich diese Art der Ausbeutung. Ich sage damit: Macht weiter so! Ihr habt meine Zustimmung!

Was würde passieren, wenn die Nachfrage, welche in die Entwicklung der heutigen Handys fließt, in ein anderes Produkt fließe: In die Verhinderung des Welthungers? Wenn ich kaufe, dass einem Menschen seine Grundbedürfnisse erfüllt werden? Es würden sich, zumindest nach der klassischen ökonomischen Lehre, sofort gewinnmaximierende Unternehmen um das Angebot kümmern wollen! Es wäre dies dann eine für den Käufer soziale Form des Konsums! Er konsumiert, dass ein anderer konsumieren kann! Das Problem an solchen sozialen Unternehmungen: Sie müssen Kunden finden, die bereit sind, für ein Produkt zu zahlen, welches ihnen nicht unmittelbar einen Gegenstand in die Hand drückt, sondern der langfristig etwas zum Positiven auf der Welt verändert. Es wäre dies ein Produkt, dessen Wirkung man nicht unmittelbar selbst merkt. Man würde eventuell nur eine Wirkung merken, wenn man dieses Produkt nicht gekauft hätte. Das Nichtverhungern eines Kindes kilometerweit entfernt merkt man nicht. Oder das Verhindern einer Katastrophe wie der Klimaveränderung würde man ebenfalls nicht merken.

Die Erde von oben


Und hier schließt sich der Kreis zur Weltallforschung.Wenn ich möchte, dass mehr Geld in die Lösung der großen sozialen Probleme der Menschheit fließt, so muss ich dafür zahlen und im Gegenteil weniger für unwichtige oder gar asoziale Gegenstände zahlen! Wenn ich möchte, dass sich die Forschung mit dem Problem des Welthungers beschäftigt, anstatt mit dem Finden noch besserer Displays für Computer, so muss ich Geld in die Hand nehmen und in die richtigen Kanäle leiten! Wenn etwas passiert auf dieser Welt und ich mache eine Institution dafür verantwortlich, so muss ich eigentlich bei mir sehen, ob ich nicht irgendwie diese Institution mitfinanziere! Dann muss ich sehen, ob ich nicht etwas kaufen kann, was diese Taten verhindern könnte!

Gute Ideen...

Der Kapitalismus ist ein gutes System. Er wurde nur von Einzelnen pervertiert.
Das Christentum ist eine gute Idee. Es wurde nur missbraucht.
Der Marxismus ist cool. Er scheiterte jedoch am Machtstreben Einzelner.

Umlaufgesichertes Geld, goldgedeckte Währung, Monetative, Free-Banking, Bedingungsloses Grundeinkommen - alles gute Ideen!

Viele Ideen sind gut - die meisten. Aber kein von Menschen erdachtes und implementiertes System kann nicht auch von Menschen ausnützend missbraucht werden.

Gute Ideen sind prädestiniert dafür, dass sie ausgenützt und zu bösen und individuellen Machenschaften missbraucht werden. Denn schlechte Ideen sind sowieso unnütz oder böse und können daher gar nicht mehr missbraucht werden!

Das perfekte System gibt es demnach nicht, nein, es muss vielmehr, wie in jeder zwischenmenschlichen Beziehung, immer und von Allen am guten Zusammenleben gearbeitet werden!

Ist der Finanzsektor zu klein?

Im lesenswerten Blog des Wirtschaftswurm wurde auf Anregung eines Wirtschaftsphilosophen folgende Frage gestellt: Ist der Finanzsektor zu groß? 

Beim Lesen der Frage blieb ich am Wörtchen "zu" hängen. Dieses "zu groß" deutet für mich an, dass man ihn irgendwie verkleinern oder gar zerschlagen wolle. Diese Idee halte ich zunächst für gefährlich. Sinnvoller wäre es meiner Meinung nach, ihn durch etwas Besseres zu ersetzen. Aber fangen wir von Anfang an:

Eine kurze Geschichte Kambodschas

Ich möchte hier zunächst ausholen und einen Gedanken beschreiben, den ich bei meiner Reise durch Kambodscha hatte. Kambodscha ist ein leidgeprüftes Land, was ein Blick in seine Geschichte zeigt:

Zunächst war es von Frankreich besetzt. Nach der Unabhängigkeit wurde Kambodscha von den USA aufgrund des Vietnamkrieges bombardiert (dabei wurden doppelt so viele Bomben auf Kambodscha abgeworfen wie auf Japan während des 2. Weltkriegs). Durch die Großmächte bedrängt folgte ein Bürgerkrieg, welchen die rote Khmer gewannen.
Die Ideologie der Khmer Rouge war eine verkürzte Form des Marxismus. Nur wer auf dem Land lebte und Handarbeit betrieb, stellte wirklich etwas her, war wirklich produktiv. Die Stadtbevölkerung stellte nur den unproduktiven Überbau dar. Dementsprechend mussten nach der Machtübergreifung durch die Khmer Rouge sämtliche Städte innerhalb von drei Tagen komplett geräumt werden. Wer sich weigerte oder gar als Intellektueller galt (oder auch nur eine Brille trug) wurde erschossen.

Bilder der leeren Hauptstadt Phnom Penh kann man in diesem Video sehen:



Die Khmer Rouge waren nur vier Jahre an der Macht und töteten ungefähr drei Millionen Menschen. Die inzwischen kommunistischen Vietnamesen eroberten das Land in Folge, wodurch sich die Zustände jedoch nicht wirklich besserten (angeblich wurden Kranke in den Spitälern nur mit Zuckerwasser behandelt). Erst als das Land Anfang der 90er unabhängig wurde, konnte sich so etwas wie Frieden und Erholung einstellen. Noch bis Ende der 90er Jahre gab es jedoch Angriffe der roten Khmer.

Wenn man dieses Land bereist und sich mit den Menschen unterhält, dann kann man diese Geschichte quasi fühlen. Die Wunden dieser Zeit sind noch lange nicht verheilt. 

Gefährliche Gedanken...

Bei meinen langen Busfahrten dort (durch den schlechten Zustand der Straßen dauert alles ewig!) kam ich auf einen mich selber erschreckenden Gedanken: Hatte ich nicht selber auch oft gegen die Banken, gegen den Finanzsektor gewettert? Waren nicht oft Sätze gefallen wie: "Die Banken sind unproduktiv, sie saugen nur aus dem Realsektor ab!" oder "Der Finanzsektor ist nur ein großes Roulette und muss zerschlagen werden, damit das Geld wieder in die wirklich produktiven Zweige der Wirtschaft fließt!" Hätte man nicht auch gleich marxistisch sagen können: "Wir müssen den monetären Überbau zerschlagen und durch eine Revolution der produktiven Basis ersetzen"? Ich konnte sehen, dass diese Gedanken in weiterer Folge zu sehr gefährlichen Ausmaßen anwachsen können und ungeheuerliche Nachwirkungen haben könnten.

Ist die Größe des Finanzsektors nur schlecht?

Ohne jetzt ein Plädoyer für den Finanzsektor schreiben zu wollen: Auch der Finanzsektor ist produktiv. Denn er ist beispielsweise Produzent von Hoffnung. Er produziert für viele Menschen die Hoffnung auf ein gutes Leben, weil sie sich durch die erlangte Rendite eine ruhige Pension erfhoffen. Versicherungen verkaufen das Gefühl der Sicherheit. Zu sagen, Banken seien nicht produktiv ist genauso falsch wie zu sagen, Regierungen, Manager oder gar Denker seien es nicht. Auch die Leute, die in der Stadt wohnen und arbeiten sind entgegen dem damaligen Glauben der roten Khmer produktiv. Der Finanzsektor wäre sicher nicht so groß, wenn er nicht doch irgendwo eine Funktion für viele Menschen erfüllen würde. Er hat es durch lange und harte Arbeit verstanden, Vertrauen in sich aufzubauen. Würden die Leute ihm nicht vertrauen, so könnten sie ihm jederzeit die Grundlage entziehen. Denn keine Bank und keine Versicherung kann auf Dauer überleben, wenn alle Kunden davonlaufen.

Die Struktur, nicht die Größe ist das Problem

Damit möchte ich nicht sagen, dass ich mit dem derzeitigen System einverstanden bin oder dass es kein besseres gäbe. Es liegen große Problem wie das Principal-Agent-Problem oder mafiaähnliche Strukturen und immanenter Wachstumszwang vor. Viele Akteure im Finanzsektor haben sicherlich das ihnen dargebrachte Vertrauen missbraucht. Viele meiner Blogeinträge sind diesem Thema gewidmet. Aber wir müssen uns bewusst sein, dass dieses System wir sind und das wir mit unseren Handlungen die sind, die es so groß aufgebaut haben und am Leben erhalten.

Eine Frage der Frage

Die Frage, ob der Finanzsektor zu groß ist, ist demnach falsch gestellt. Der Finanzsektor ist einfach. Er ist weder zu groß, noch zu klein. Ihn einfach abschaffen zu wollen, ohne nachhaltige Alternativen anbieten zu können, dürfte keine Lösung sein. Wir haben ihn so groß gemacht. Wie groß er tatsächlich ist, also die genaue Zahl, ist in meinen Augen irrelevant. Die Fragen müssten eher lauten:
  • Wie können wir die Fehler des derzeitigen Systems beheben, obwohl wir von ihm abhängig sind? 
  • Wie sieht ein besseres Verteilungssystem aus und wie können wir es initiieren? 
  • Reicht eine Veränderung des Finanzsektors, oder müssen wir nicht viel mehr unser Geldsystem verändern? In anderen Worten: Ist Finanzsektor und Realsektor wirklich zu trennen?
  • Brauchen wir mehr oder weniger staatliche Regulierung?
  • Müssen wir unser eigenes Verhalten und unsere Gewohnheiten ändern und wenn ja, wie?
  • Was sind Theorien, Gedankengebäude und Lebenseinstellungen, welche nicht zu totalitären Auswirkungen führen?
  • Metaphorisch gesprochen: Wie können wir unser Schiff auf hoher See umbauen, ohne unterzugehen oder in einer gewaltätigen Meuterei zu enden?

Über den Wandel

Auf einmal macht die begonnene Reise Sinn. Es ist klar, dass man reisen kann, ohne physisch den Ort zu wechseln. Die Transportwirte verkennen mit ihrer Definition ("Verkehr ist Ortsveränderung") diesen Umstand. Wenn man von den Kategorien Ort und Zeit absieht, so kann man nur reisen und gleichzeitig stillstehen.


Kant musste das vollzogen haben, wenn er über die transzendentalen Strukturen, über Freiheit und über Autonomie schrieb. Denn transzedere heißt ja überschreiten, übersteigen. Er machte also eine Reise und das, obwohl er Königsberg fast nie verließ. Er konnte diese Gedanken gehen, diese wichtigen Entdeckungen machen, gerade weil er sich nicht der oberflächlichen, empirischen, offensichtlichen Reise, die so viele Menschen tagtäglich tun, hingab. Er reiste ins Innere, aber nicht im Sinne eines topographischen Inneren.

Reisen abseits von Ort und Zeit, sich bewegen, obwohl man ruht, das ist die Devise. Man könnte es mit dem Nirwana vergleichen, wo man je schon mit allem verbunden ist, also sich nicht mehr bewegen braucht, weil man schon da ist. Und das kann man überall und jederzeit machen, wenn man will. Führt diese Reise wohin? Oder ist sie schon vollzogen, sobald man sie antritt? Diese Fragen sind offensichtlich falsch gestellt. Denn sie setzen wiederum Raumbewegung abhängig von der Zeit, mithin km/h voraus. Doch davon wollen wir absehen.

Kann man mit dieser Reise antizipieren, wohin auch die realen Reisen, sprich unser Zeit- und Raumkontinuum, hinzeigen? Information und Wissen wird immer schneller und an immer mehr Orten verfügbar. Reisen wird immer schneller, immer leichter. Früher brauchte man Wochen, um durch Europa zu reisen. heute reise ich in wenigen Stunden um die ganze Welt. Diese Entwicklung führt uns dahin, dass Ort  und Zeit zusammenfallen werden. Dass ich alles sofort machen, alles jetzt bekommen, alles aktuell wissen kann. Der Endpunkt der Zivilisation, das schon so oft proklamierte Ende der Geschichte, die finale Zeit, Armageddon und Genesis zugleich. Können wir das im Jetzt, da es physisch noch nicht erreichbar ist, dennoch gedanklich vollziehen? Die Antwort müsste lauten: Wir haben es schon je vollzogen, weil der Zeitpunkt keine Rolle mehr spielt dabei. Wir sind mit dem Endzustand, mit dem Sanktnimmerleinstag, mit dem Nullpunkt immer schon verbunden. Wir sind eben einerseits empirische, andererseits intelligible Wesen.

Spannend: In dieser Welt, diesem Zustand können wir auch die anderen Wesen erkennen, von denen Kant ebenfalls spricht. Denn er spricht klar von verschiedenen vernunftbegabten Wesen und nicht nur vom Menschen.

Vernunft - Bedeutet Vernunft im strengen Sinne nicht genau Endpunkt dieser vollzogenen und gleichzeitig nie angetretenen Reise zu sein? Und ist dias Ende der Vernunft wirklich das Massengrab, wie es Stephen King in "The Stand" überraschend klar formuliert? Ja. Denn an diesem Punkt verliert das Leben seine Bedeutung, man sieht ins ewige Licht, klettert die platonische Höhle empor zur Sonne, Leben und Tod fallen als unbedeutend gewordenes Paar zusammen, ebenso wie der Gegensatz von gut und schlecht. Deshalb ist dieses Massengrab auch nicht zu bedauern oder zu fürchten.

Diese Reise ins innerste ist auch deshalb wichtig, weil es die kleinen Dinge sind, die wichtiger sind! In jedem Augenblick oder besser: In weniger als jedem Augenblick entscheidet sich das Wichtige, passiert das Jetzt. Das meinen vermutlich die Buddhisten, wenn sie darüber reden, alles bewusst zu machen. Alles wird zu uns kommen und wir werden immer genug haben. Jetzt müssen wir die Welt verändern. Und diese Veränderung beginnt bei uns, nein, sie hat schon begonnen, weil es bei dieser Veränderung keine Zeit gibt, weil sie der Ort ist, wo wir hin wollen, weil sie alles das zusammenfasst und ausspeit, was vorher geschrieben wurde. Die Veränderung, der Wandel, in seiner wandelnden Form, welche ist, aber gleichzeitig auch isomorph nicht ist, weil sie alle Gegenstände und auch Gegensätze in sich vereint, aufhebt und gleichzeitig bewahrt. Und diese Veränderung sind wir schon und noch nicht, bist du immer schon gewesen und wirst nie sein, sind wir überall und nirgends unddoch treffen wir uns da, wo der Sinn den Unsinn und den Wahnsinn gleichsam mit den Sinnen berührt, also bei jenem goldenen Dreiländereck, das zwischen Himmel und Hölle liegt und die beiden vereint.


Die persönlichen Kämpfe um ein sinnvolles Leben, der Geldsuchtgedanke, das Suchen nach einer adäquaten Geldtheorie sind verbunden, ebenso wie die gesellschaftlichen Traumata, die mit Geld verbunden sind. Das alles auf einmal muss gelöst werden! Lösen wir es für uns, lösen wir die Geldproblematik theoretisch, so löst sich auch die gesellschaftliche Fokussierung auf die Rendite. Das ist nicht kausal, sondern nur gleichzeitig zu sehen. Es ist der globale Bewusstseinswandel! Nichts gehört uns. Die Mittel, die uns gegeben werden, gehören der Transformation. Sie sind Mittler, Werkzeuge, die dem Zweck dienen. Alles, was uns gegeben wird, sollten wir diesem Zweck geben, nämlich dem Wandel, dem Positiven, dem Fortbestand, der Transition, dem Transzedere, dem Hinaufschreiten. So wie bei Geld. Es bringt nichts, wenn es bei uns bleibt. Aber richtig ausgegeben kann es viel verändern, denn die Leute halten es für sehr mächtig.

Dieser Zeck, dieser Wandel, ist nicht inhaltlich da, erfahrbar. Denn diese Inhalte entstehen erst in uns. Das Inhaltslose ist es, was uns leitet und es muss inhaltslos sein, weil wir als Menschen nur am Inhalt festhalten. Der Inhalt entsteht in uns. Aber der Wandel entsteht nicht in uns. Er ist wir. Der Wandel sind wir!

SAELAO: Bezahlen, um zu arbeiten?

Bei meinem Aufenthalt in Tacomepai höre ich zufällig von einem ähnlichen Projekt: SAELAO, in Vang Vieng, Laos. Da mein Visum für Thailand sowieso gerade am Auslaufen ist, nehme ich den eineinhalb Tage Bustrip auf mich, um mich nach Nordlaos zu begeben.

Vang Vieng ist eine berüchtigte Touristenstadt. Ein Guesthouse kämpft neben dem anderen um die Moneten der saufend durch die Straßen ziehenden "Farang", wie wir Touristen hier genannt werden. Die Attraktion der Stadt ist es, sich auf einem Reifen den Fluss hinuntertreiben zu lassen und sich in Bars am Rand volllaufen zu lassen. Ein Tourist im Jahr ertrinkt dabei.


View Larger Map

An diesem schönen Ort treffe ich im Guesthouse des Projekts ein - Sengkeo Guesthouse - und lerne dort den Projektleiter mit dem Namen Sengkeo kennen. Er erklärt mir die Bedingungen: Sie würden Freiwillige nur für mindestens eine Woche nehmen. Für diese wäre um die 700.000 KIP, also ca. 70 Euro zu zahlen, Essen und Schlafplatz inkludiert. Am Tag würden an unterschiedlichsten Dingen gearbeitet, wie Reperaturen und Aufbauten, am Abend gebe es eine Stunde Englischunterricht für die Bewohner der umliegenden Dörfer.

Ich schlucke. 10 Euro am Tag dafür bezahlen, dass ich arbeiten darf?

Dann denke ich, dass ich diese 10 Euro auch dann ausgebe, wenn ich in einem Guesthouse in der Stadt wohne und drei Mal am Tag essen gehe. Also schlage ich ein. Mit dem Moped geht es durch eine der sicherlich schönsten Landschaften der Welt. Reisfelder grenzen an hohe bewaldete Berge, die vor Äonen als Lava aus der Erde schossen und so erstarrten.

Eine der schönsten Landschaften der Welt!

In den ersten drei Tagen gehe ich psychisch durch alle Phasen. Mein Heimweh wird schlimmer und ich fühle mich ein wenig unfrei, weil hier alles so geordnet abläuft. Die Arbeit ist hart. Wir arbeiten den ganzen Tag, bauen eine Hütte und einen Lehm-Ofen.

Der Lehm-Ofen nimmt gestalt an
Wir bauen eine Holzhütte
Das Restaurant, welches auf Stelzen im See steht, bricht ein. Das heißt, wir müssen während strömendem Regen in Wasser, das uns teilweise bis zum wortwörtlichen Hals steht, um unter das Restaurant zu gelangen und die tonnenschwere Plattform mittels Hebeln, die wir aus Holz gebaut haben, anheben, um es auf neue Säulen, die im Schlamm versinken, zu stellen. Das alles, während Blutegel versuchen, an uns anzudocken. Ich wusste vorher nicht, dass die Dinger schwimmen können!

Das Restaurant im See war eingebrochen...

Doch was mich wirklich bewegt ist der Englisch-Unterricht. Ungefähr dreissig Schüler kommen mit dem Fahrrad um 18 Uhr und lernen von uns "Farang" die Grundlagen der englischen Sprache.

In den Gesprächen mit den Schülern nach dem Unterricht offenbart sich für mich die wahre Härte des Lebens der Leute hier. Ich frage einen Schüler, ob er schon einmal in Luang Prabang war. Er verneint. Vientiane? Auch nicht. Diese Leute haben die Umgebung, in der sie aufgewachsen sind, noch nie verlassen.

In einer Stunde wollen wir Business-English unterrichten. Doch schon die erste Frage scheint zu schwierig zu sein: What do you want to work? Der erste Schüler meint nur knapp: IT! Als wir ihm vom Internet und Websites erzählen, versteht er nur Bahnhof, egal wie simpel wir es machen. Auch als wir es auf einem Laptop herzeigen, sieht er nur staunend zu und hat keine Ahnung, was vor sich geht.

In einer Unterrichtsstunde lernen wir, wie man über die Uhrzeit auf Englisch spricht. Ein Schüler meint, er habe keine Uhr. Ich frage ihn, wie er wisse, wann wir hier Unterricht hätten. Er erzählt mir: Um 16 Uhr sagen seine Eltern, es wäre Zeit zu gehen. Er setzt sich auf sein Fahrrad, fährt zwei Stunden hierher und hat hier eine Stunde Unterricht. Danach setzt er sich wieder auf sein Fahrrad und fährt zwei Stunden heim, um um 21 Uhr zuhause zu sein.

Ein aus Lehm gebautes Gemeinschaftszentrum dient dem Englischunterricht

Am nächsten Tag wollen uns sechs Schüler die Hütte zeigen, in der sie wohnen. Um die Mittagszeit - wir sind gerade beim Essen - holen sie uns ab. Sie führen uns zu einer Hütte, die im Prinzip nur aus einem Dach und einer sechs Quadratmeter großen Liegefläche besteht. Dort hätten sie, da der Heimweg zu weit wäre, zwei Wochen gewohnt. Ich hatte mich immer gewundert, weshalb sie mit den abstrusesten Vokabeln zu uns gekommen waren. Die Antwort ist simpel: Sie haben nur ein Wörterbuch und machen den ganzen Tag nichts anderes, als Vokabeln zu lernen. Wenn sie nicht gerade mit der Besorgung von Nahrung beschäftigt sind.
Reis haben sie von zuhause mit genommen. Dazu essen sie aus den umliegenden Reisfeldern gefangene kleine Fische und was sich sonst Essbares fangen lässt. Wasser trinken sie aus den umliegenden Bächen. Doch jetzt sei ihnen der Reis leider ausgegangen. Sie würden ja gerne noch bei uns Englisch lernen, doch sie hätten großen Hunger und müssten deshalb nachhause fahren. Beschämt kaufen wir ihnen 50 Kilo Reis und ermöglichen ihnen dadurch, noch zwei Wochen da zu bleiben.

Die Regenwolken ziehen um die Felsen

Nach diesen Erfahrungen kommt mir die Arbeit auf einmal nicht mehr hart vor. Diesen Schülern, die trotz aller Strapazen gewillt sind zu lernen, die so glücklich, so strebsam, so höflich und so natürlich freundlich sind, gebührt der größte Respekt! Mir wird es bei den Gesprächen mit ihnen peinlich, dass wir in der westlichen Welt, mit freiem Bildungszugang, Erreichbarkeit billiger Lehrmaterialien, Bibliotheken und Online-Lern-Plattformen, unsere Situation einfach nicht zu schätzen wissen. Die Leute dort verdienen es, dass wir genauso ernsthaft daran arbeiten, die Situation aller zu verbessern! Es ist vergleichsweise so leicht für uns, einen so großen Unterschied zu machen! Für jeden von uns. Doch wir tun es nicht und jammern und saufen und geizen lieber. Die Gespräche mit den Schülern haben mich gelehrt, nicht mehr so viel zu jammern und Dinge, Arbeiten und Herausforderungen einfacher anzunehmen. Wir glauben, unser Leben sei hart, aber das ist es vergleichsweise nicht.


Es war eine bemerkenswerte Erfahrung, zu zahlen und gleichzeitig zu arbeiten. Man fühlte sich damit für den Ort verantwortlich! Es war ein anderes Denken, als wenn man kurzzeitig wo zahlender Kunde ist und sich wie ein König fühlt und manchmal auch so benimmt. Dort war es so: Wenn etwas kaputt ging, reparierte man es. Man versuchte möglichst, den Ort zu erhalten und zu verbessern. Man spürte die Verantwortung und die Wichtigkeit der Arbeit, besonders beim Lehren! Der alte Spruch: "Don't be gentle, it's a rental" wurde damit ins Gegenteil verkehrt. Ich kann nur jedem empfehlen, einmal selber so eine Erfahrung zu machen!

Zur Homepage des Projekts: http://saelaoproject.com/
SAELAO auf Facebook: http://www.facebook.com/pages/SAE-LAO-FAMILY/

Zukunft des Geldes - Ein Ausblick

Dieser Artikel erschien zuerst in der Sinnschrift
Hier kann das Originaldokument angesehen werden!


Zukunft des Geldes - EIN AUSBLICK.


In einer Folge der Science-Fiction-Serie „Star Trek – The Next Generation“ mit dem Titel „Die neutrale Zone“ gelangt ein Investor aus der Vergangenheit auf das Raumschiff Enterprise. Sein erstes Verlangen ist, nach seinem Portfolio zu sehen, von welchem er sich enorme Wertsteigerungen erwartet. Er hätte schließlich „in die Zukunft investiert.“ Der Captain der Enterprise erklärt ihm, dass es kein Geld und keine materiellen Nöte mehr existieren. Daraufhin bricht für den Spekulanten eine Welt zusammen. „Was soll ich machen? Wie  werde ich leben? Was hat man dann noch für ein Ziel?“ Eine Welt ohne Geld - Ein mögliches Zukunftsszenario? Was könnte nach dem derzeitigen Geldsystem kommen?

Es gibt schon Bewegungen, die ein Ende des Geldes herbeisehnen und an einer geldlosen Wirtschaft arbeiten. Eine dieser Bewegungen ist „The Zeitgeist Movement“. Ausgehend von den Theorien von Jacque Fresco versucht diese bereits weltweit vernetzte Gruppe, eine ressourcenbasierte Ökonomie aufzubauen.

Das derzeitige Geldsystem würde nur technischen Fortschritt verhindern und sei Ursache für Gier und Geiz. Sämtliche Probleme ließen sich technisch lösen. Kritiker werfen der Bewegung vor, zu technikfixiert zu handeln und zu zentralistische Systeme entwickeln zu wollen.

Alternativen


Eine ähnliche Analyse aber eine andere Lösung bietet „Share und Care“. Das Motto lautet: Jeder bietet an, was er kann und nimmt, was er braucht. Die Vermittlungsfunktion von Geld, die durch die Knappheit zu Gier führt, soll durch das Angebot im Überfluss ersetzt werden, so die Idee. Der frühere Tausschandel hatte seine Grenzen. Heute, mit der weltweiten Verbreitung der Informationen über das Internet besteht eine große Wahrscheinlichkeit, dass immer jemand gerade das anbietet, was man braucht und umgekehrt. Geld braucht man dabei nicht mehr. Man muss ja Geld nicht gleich substituieren. Man kann auch verändern wie Geld entsteht und verwendet wird.


Perspektiven


Eine mögliche Perspektive bietet die Internetwährung Bitcoin. Bitcoin ist eine nicht unumstrittene Währung, die ebenfalls auf das Internet zurückgreift. Der Code basiert auf Opensource-Technologie, was bedeutet, dass er jederzeit übernommen werden kann und ein Programmierer ein eigenes, dezentrales Geldsystem damit starten könnte. Das System gehört somit niemandem. Es gibt sogar schon eine Bewegung, die dieses Geld mit einer Mechanik ausstatten möchte, die verhindert, dass es von einer kleinen Gruppe von Reichen 
gehortet wird. Bitcoin ist schon heute weltweit verwendbar und könnte eine ernstzunehmende Alternative zu staatlichen Währungen darstellen.

Regionalwährungen


Auch viele private Initiativen abseits des Internets versuchen eine Alternative zum staatlich verordneten Euro zu geben. Unter dem Sammelbegriff „Regionalwährung“ waren in Deutschland bereits im Jahr 2006 ganze 44 verschiedene Regionalwährungssysteme bekannt. Auch in Österreich verbreitet sich die Idee des regionalen Geldes, wie zum Beispiel die im Waldviertel verwendete Währung „Waldviertler“ beweist. Vielleicht ist das ein anderes Zukunftsszenario? Viele Währungen, ob staatlich oder dezentral, konkurrieren in einer Marktwirtschaft gegeneinander. Das Stichwort hierzu lautet Free-Banking. Beim FreeBanking gibt es kein gesetzliches Zahlungsmittel. Es sollen sich vielmehr durch Marktmechanismen und freie Vertragsgestaltung die Währungen durchsetzen, die am vertrauenswürdigsten sind. Radikale Vertreter der Markttheorie würden vor Freude springen.

Weltwährung


Ein Szenario, dass in eine etwas andere Richtung geht, ist die Weltwährung. Schon der Ökonom John Maynard Keynes wollte nach dem zweiten Weltkrieg eine Weltwährung namens „Bancor“ einführen, die durch Gold gedeckt werden sollte. Moderne Ökonomen wie Bernard Lietaer greifen dieses Konzept auf und wollen die Währung jedoch an einen Warenkorb binden und ebenfalls den Umlauf sicherstellen. Man könnte sich Szenarien vorstellen, wo die derzeitigen Leitwährungen wie zum Beispiel Euro, Dollar oder Yen sich zusammenschließen und eine globale Währung initiieren. Die Chancen dafür dürften aufgrund der politischen Durchsetzbarkeit vom heutigen Standpunkt aus jedoch eher als gering geschätzt werden.

Die Zukunft ist ungewiss


Die Zukunft ist ungewiss und es sind noch viele andere Szenarien denkbar. Angesichts der Fülle an Alternativen besteht die Möglichkeit, dass ein möglicherweise bevorstehender Währungscrash glimpflich  verläuft und wir nicht perspektivlos enden wie der Spekulant in Star Trek. Welches Zukunftszenario tatsächlich zur weltweiten Realität wird, kann von jedem Einzelnen beeinflusst werden. Um es mit den Worten von Peter F. Drucker zu sagen: „Der beste Weg, die Zukunft vorauszusagen, ist sie zu schaffen!“

Verhandlungssache

1) Eine soziologische Studie über das Verhandeln

Auf meiner Reise durch Südost-Asien konnte ich in soziologischer Feldforschung die unterschiedlichsten Verhandlungsstrategien studieren. Kritisch im Hinterkopf habend, dass auf solche Beobachtungen auch das eigene Verhalten Einfluss hat, konnte ich folgende Erfahrungen machen:

In Thailand etwa läuft das Verhandeln so ab, wie man es zunächst erwarten würde: Der Verkäufer nennt einen Preis, welcher ungefähr ein Drittel zu hoch ist. Man selber nennt dann die Hälfte und es wird in der Mitte getroffen. Wenn man unzufrieden weg geht, so gehen sie oft noch ein wenig runter. Es ist klar, dass man als Tourist nicht die Preise der Einheimischen bekommt. Aber mit ein wenig Verhandlungsgeschick zahlt man meist einen Preis, der angemessen im Verhältnis zu allen anderen Preisen erscheint.

Verhandlungssache
Nicht so in Vietnam. Die Vietnamesen scheinen den faktischen Fall des Kommunismus voll ausnützen zu wollen und haben die Gewinnmaximierung umarmt. Preise werden oft 10 mal so hoch angesetzt, wie man erwarten würde. Als Europäer ist man es gewohnt, dass Preise in gewissen Relationen stehen. Wenn ein Hotelzimmer so und so viel kostet, so kann man den Preis eines Apfels erahnen. In Vietnam sind die Preise so, wie es sich die Vertreter der freien Marktwirtschaft gerne vorstellen: Komplett flexibel und nur vom Verhandlungsgeschick abhängig. Wenn sich ein Preis findet und das Gut verkauft wird, so war doch der Preis ideal und beide Verhandlungspartner zufrieden, oder nicht?

2) Die Probleme mit dem Verhandeln

Wir stehen in der Marktwirtschaft vor einem Problem: Was für den Einzelnen sinnvoll und rational ist, nämlich möglichst viel für sich herauszuholen, ist schlecht für alle anderen.
Um bei Adam Smiths berühmten Beispiel zu bleiben: Es wäre für die Gesellschaft am besten, wenn der Bäcker gerade nicht nur auf sein Eigeninteresse schauen würde und einen möglichst hohen Preis für seine Ware verlangte. Denn je weniger er verlangte, desto billiger wäre es für alle anderen.

Wenn der Patentanmelder sein Patent möglichst Vielen zur Verfügung stellen würde und es nicht dem Höchstbietenden lizenzierte, würden alle anderen am meisten profitieren. Die Gewinnmaximierung des Einzelnen schadet allen anderen.

Umgekehrt sind Geschenke enorm vorteilhaft für die Gesellschaft. Die knappen Ressourcen, welche in den Kauf von beispielsweise Software gehen, können wie im Fall von kostenloser Software wie Firefox oder Linux in andere Dinge fließen.

An sich versuchen Verhandlungen Lösungen zu finden, welche für beide Seiten am besten sind. Doch die Reichen werden unter anderem deshalb reicher, weil sie meistens am längeren Ast sitzen. Sie können sich die besten Verhandler kaufen. Sie können oft länger warten und sind nicht auf einen Abschluss angewiesen. Die Armen können sich oft nur entscheiden zwischen Angebot annehmen oder Verhungern, was für die meisten keine ernstzunehmende Alternative ist. Bei Verhandlungen entscheiden also auch oft der längere Atem oder das zugrundeliegende Machtverhältnis über den Ausgang.

Doch das Problem ist noch weitergehend: Da das Geld als allgemeines Verteilungssystem gilt, versucht man, möglichst viel davon vom anderen zu bekommen. Denn je mehr ich von ihm bekomme, desto reicher werde ich gegenüber allen anderen und desto mehr kann ich vom allgemeinen gesellschaftlichen Produkt für mich beanspruchen. Es zählt nicht, wie gut ich produziere oder wieviel, sondern wie gut ich verhandle und mich vermarkte.

Dieses Problem wird noch tiefergehend, wenn man den oft gemachten Fehler begeht, dass man Werte mit Preisen verwechselt. Wenn man beispielsweise einen Aktienkurs hernimmt, so zeigt dieser nur vergangene Transaktionen an. Zwei Leute haben sich gefunden, die um diesen Preis handeln wollten. Das besagt jedoch nicht, dass man die eigenen Aktien um den selben Preis loswerden wird. Man übersieht hier nur allzu oft, dass man dafür wiederum einen Handelspartner braucht, der kauft. Doch die Bewertung von Aktien wird generell so behandelt: Die Käufe und Verkäufe von wenigen bestimmen den Wert aller anderen Aktien und auch des gesamten Unternehmens. Die Taten Weniger haben Auswirkungen auf alle anderen.

Das Problem des Verhandelns ist also ein mehrfaches:

  1. Einerseits kann man seine Leistung durch Verhandlungsgeschick höher bewerten lassen.
  2. Zweitens macht man sich damit gegenüber dem Rest der Gesellschaft reicher - die Handlungen von zwei Personen haben Auswirkungen auf alle anderen.
  3. Drittens wäre es für die anderen um so besser, wenn man möglichst wenig für die eigenen Produkte verlangen würde. Somit schadet die allgemeingültige Strategie, bei Verhandlungen möglichst viel für sich herauszuholen, der gesamten Gesellschaft.
Das Problem ist ein gesellschaftliches, man kann es also schwer alleine ändern. Wenn man in Verhandlungen auf das möglichst schlechteste Angebot eingeht, wird man nur über den Tisch gezogen. Man gibt nur und nimmt nicht. Dann war es zwar für den anderen am besten, aber man selber kann von nichts leben. Wer nur gibt und nicht nimmt, der existiert auch nicht lange. Man stellt die Gemeinschaft vor sich, nimmt das Kollektiv wichtiger als den Einzelnen und setzt beide nicht in ein ausgewogenes Verhältnis.
Was könnten wir also gesellschaftlich ändern, um diese Ineffizienzen zu beseitigen?

3) Was also tun?

Es wäre denkbar, ein Geldsystem so zu designen, dass es diesen Problemen Rechnung trägt. Die Idee sollte trotz allem sein: Je mehr ich gebe, desto mehr bekomme ich auch. Es sollte so zumindest sichergestellt werden, dass Mehrleistung nicht bestraft sondern noch immer belohnt wird.

Weiters wäre es möglich, das SK-Prinzip in den Verteilungsprozess einzubeziehen. Das Systemische Konsensieren dient dazu, größtmöglichen Konsens in einer Gruppe herzustellen. Könnte man es in den Verhandlungsprozess implementieren, so würde niemand mehr so leicht über den Tisch gezogen werden. Es würde wirklich die Lösung gefunden, die allen Verhandlungspartnern die wenigsten Kopfschmerzen bereiteten.

Die entscheidende Frage lautet also: Wie kann das SK-Prinzip auf das Geldsystem angewendet werden? Eine Antwort auf diese Frage könnte zu einer Verteilung führen, zu der die meisten Menschen zustimmen würden und die obige Probleme des Verhandelns vermeiden könnte.

Das Rätsel um den fehlenden Zins

Dieser Gastbeitrag, welcher sehr zum Verständnis des Geldsystems beitragen kann, wurde von Peter Bloggt verfasst und erschien zuerst in seinem sehr lesenswerten Blog petersdurchblick.com. Mein Blog steht für Gastbeiträge offen, einfach Kontakt aufnehmen! - Patrick Seabird

 

Der "fehlende Zins" und das Sparen

Oft wird unter Geldsystemkritikern auch "vom fehlenden Zins" gesprochen, weshalb es für einige Kreditnehmer im Gesamtsystem unmöglich sei, ihren Darlehensbetrag plus Zinsen zurückzuzahlen und somit der Zahlungsausfall von Schuldnern (und die Vernichtung von Geldvermögen) systembedingt und geradezu vorprogrammiert sei. Aus diesem Grund müsse der fehlende Zins durch wiederholte Neuverschuldung ausgeglichen werden, damit das System nicht in sich zusammenbricht. Welche Rolle spielen der fehlende Zins und das Sparen bei dem "Zwang zur Neuverschuldung"? Wir werden das im Folgenden untersuchen.

Ich möchte vorwegschicken, dass es sich bei folgender Untersuchung um diverse mögliche Momentaufnahmen im Geldsystem handelt, welche in dieser Form in der (Mainstream-)Zinskritik bisher nicht beleuchtet wurden. Diese Untersuchung hat nicht den Zweck, ein generelles Systemproblem (von vielen) zu negieren, sondern es genauer unter die Lupe zu nehmen.

Anhänger der Theorie vom fehlenden Zins betrachten in ihrer Argumentation meist einen isolierten Kredit. Man stellt sich ein beispielhaftes Geldsystem vor, in dem z.B. acht Teilnehmer eine Kreditsumme von 1.000 € aufnehmen, diese wird endfällig nach einem Jahr zurückgezahlt und mit 5% verzinst. In dieser "Inselbetrachtung" fehlt am Ende der Laufzeit des Kredits der aufzubringende Zins im System:
© Axel Grimm

Gleiches gilt auch für das Gedankenmodell, wenn man Einzelkredite betrachtet, die zeitversetzt, nacheinander liegen. Hier hat man den Effekt, dass sich der fehlende Kreditzins aufaddiert, denn auch in dieser Vorstellung hat kein Kreditnehmer die Chance seinen Kreditzins aufzubringen:
© Axel Grimm

An der Kernaussage, dass der Zins im Kredit nicht mitgeschöpft wird und theoretisch auch im Gesamtsystem zur vollen Schuldentilgung fehlt besteht überhaupt kein Zweifel! Aber: Es ist dennoch möglich, dass Kredite komplett getilgt werden können, OHNE einem anderen Kreditnehmer Geldmittel zur eigenen Schuldentilgung wegzunehmen (q.e.d).
Die "Inselbetrachtung" bzw. die isolierte Betrachtung von einzelnen Krediten in einem Geldsystem spiegelt nicht die Realität wider. In der Praxis überlagern sich in unserem Geldsystem zigtausende von Krediten die sich unterscheiden in Beginn, Laufzeit und Höhe des Kredites. Diese Überlagerung soll in dem folgenden Bild dargestellt werden:
© Axel Grimm

In blau und lila sind die vorhin beschriebenen Einzelfälle dargestellt, die Anhänger der Theorie des fehlenden Zinses als Argumentation benutzen. Die weißen Striche stellen weitere Kredite dar, die im Geldsystem durch Banken erzeugt werden und bei Endfälligkeit auch mit Zins zurückgezahlt werden müssen.
In der Realität werden die vom Kreditnehmer an die Bank gezahlten Zinsen über das Eigenkapital der Bank wieder zurück in den Wirtschaftskreislauf gebracht und können dort unter anderem auch dazu benutzt werden, wieder als Zinszahlung an eine Bank bezahlt zu werden. So bezahlt zum Beispiel ein Bankangestellter, der einen Immobilienkredit aufgenommen hat, seine Zinsen aus seinen Lohnzahlungen, die aus dem Eigenkapital der Bank kommen. Diese Lohnzahlungen sind aber nichts anderes als die Zinseinnahmen der Bank. Aber auch ein Dividendenempfänger von Bankaktien kann mit der gezahlten Dividende wieder einen Kredit abzahlen, bzw. die Zinsen dafür bezahlen. Ebenso erhält ein beispielhaftes Bauunternehmen - in den Wirtschaftsraum zurückgeführte - Zinseinnahmen der Bank für Bezahlung einer errichteten Bankfiliale.
Diese Rückführung des Zinses wird in der Argumentation
mit dem fehlenden Zins übersehen.

Einleuchtender wird es, wenn man sich nicht eine isolierte Kreditvergabe betrachtet, sondern eine Kaskade von Kreditverträgen unterschiedlicher Laufzeiten, die sich überlagern:
© Axel Grimm

Nehmen wir uns die angezeigten grünen Kredite heraus und betrachten was mit der Geldmenge und - im Laufe der Kreditnahme - mit den Zinszahlungen passiert, die nun, wie in der Realität üblich, zurückgeführt werden:
© Axel Grimm

In hellgrün erkennt man die Geldmenge, die durch die unterschiedlichen Kredite entsteht und vergeht. Nun erkennt man, dass der erste Kreditnehmer seine Kreditzinsen theoretisch aus dem geschöpften Geld des zweiten Kreditnehmers bedienen kann (schwarzer Pfeil nach oben). Diese Zinseinnahmen gibt die Bank zum Beispiel als Lohnzahlungen wieder zurück in den Wirtschaftskreislauf (grauer Pfeil). Nun fehlt dieser Zins nicht mehr im System. Der in rot dargestellte Bereich ist der Zeitraum, in dem der gezahlte Kreditzins im Eigenkapital der Bankbilanz steht, solange bis der Zins zurückgeführt wird.
Auch die hier vorgestellte Betrachtung ist natürlich wieder vereinfacht/isoliert. In Wirklichkeit überlappen sich diese Kreditverträge deutlich enger und zahlreicher. Auch die Rückführung des Zinses über das Eigenkapital der Bank findet in einem ständigen Fluss statt, da die Ausgaben/Ausschüttungen der Bank auch ständig anfallen.
Wir halten fest: Solange es gängige Praxis ist, dass sich unzählige Kredite "überlagern" und Zinseinnahmen der Banken wieder in den "Tauschmittelkreislauf" zurückgeführt werden, solange können fällige Kredittilgungen und Kreditzinsen problemlos gezahlt werden, da für die fälligen Kredite im Geldsystem ausreichend Tauschmittel vorhanden sind.
Damit wir uns nicht falsch verstehen: Angenommen heute müssten ALLE Kredite abgelöst werden, dann wären die Geld- bzw. Tauschmittel zum Leisten der Zinszahlungen im Gesamtsystem nicht vorhanden, da sie im Kredit nicht mitgeschöpft wurden (realistisch ist dieser angenommene Fall allerdings nicht). Problematisch wird es in der täglichen Praxis, wenn Tauschmittel gespart und somit dem Tauschmittelkreislauf entzogen werden. Diese gesparten Tauschmittel fehlen im Gesamtsystem zur Kredittilgung.


In unserer Betrachtung haben wir zudem nur endfällige Kredite betrachtet, um die Komplexität nicht noch weiter zu erhöhen und um uns an die Argumentation des fehlenden Zinses anzupassen. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass der übliche Kredit ein Tilgungskredit ist, bei denen die Zins- und Tilgungszahlungen nicht endfällig, sondern z.B. monatlich aufgebracht werden. Somit reduziert sich auch während der Laufzeit des Kredits die Zinszahlung monatlich durch die Tilgung des Kredits:
© Axel Grimm

Wie man dem Tilgungsplan entnehmen kann, reduziert sich die Zinszahlung monatlich bei einem Einzelkredit. Wenn diese Zinszahlung von der Bank direkt in das Geldsystem zurückgeführt wird, dann fehlen am Ende der Laufzeit, selbst in der Einzelbetrachtung eines Kredites von 1.000 € theoretisch nur 0,36 € Zinsen. Die bereits gezahlten Zinsen werden ja wieder in das System zurückgeführt.
Das Sparen im Tauschmittel
Wie im allerersten Artikel dieses Blogs (Anmerkung PS: von Peters Durchblick) erklärt wird, entsteht Geld durch Kreditaufnahme. Die Wirtschaftsteilnehmer, die einen Kredit aufnehmen, geben dieses Geld in der Wirtschaft aus. Zum Beispiel kaufen sie Rohstoffe, um daraus dann ein Produkt zu erzeugen, dass sie weiterverkaufen können. Das erzeugte Kreditgeld befindet sich so nun im Tauschmittelkreislauf und das Geld tauscht andauernd weiter. Es gibt nun 2 Möglichkeiten, wie dieses Geld den Tauschmittelkreislauf verlassen kann.
Die erste Möglichkeit ist für das Geldsystem ideal. In diesem Fall kreist/tauscht das Tauschmittel solange, bis ein Kreditnehmer, der das Geld durch Leistung in der Wirtschaft erhält, damit seinen Kredit zurückzahlt, also tilgt. In diesem Moment wird bei der Bank sein Geld mit seiner Schuld wieder vernichtet. Das Geld hat in der Zeit seiner Existenz als Tauschmittel funktioniert und hat im besten Fall der Allgemeinheit durch Schaffung von Mehrwert gedient.
Die zweite Möglichkeit, wie Tauschmittel den Wirtschaftskreislauf verlassen können ist das Sparen im Tauschmittel, denn gespartes Geld kauft, solange es gespart ist, nicht mehr in der Wirtschaft ein. Das Geld ist solange es "spart" als Tauschmittel geparkt. Für Kreditnehmer entsteht nun ein Problem, denn sie haben keine Chance an das Geld zu kommen, das sie zum Tilgen ihrer Kredite so dringend bräuchten. Durch Sparen im Tauschmittel entsteht ein Mangel an freien Tauschmitteln in der Wirtschaft und es kommt normalerweise zu einer Reduzierung der Wirtschaftsleistung. Die Folge: Kreditnehmer gehen pleite, es sei denn, durch einen neuen Kreditnehmer wird wieder neues Geld erzeugt, dass das Geld ersetzt, welches durch das Sparen dem Geldsystem entzogen wurde.
Hierdurch entsteht ein Neu-Verschuldungszwang und wenn sich in der Wirtschaft keine Nachschuldner finden lassen, dann springt z.B. der Staat als Lender of last resort ein, damit das System aufrecht erhalten werden kann.


© Wolfgang Waldner & Christoph G. Brandstetter

Fazit
Sowohl das Sparen von Zinseinkommen als auch das Sparen von Beträgen aus anderen Einkommen führt zur Aufschuldung im Geldsystem und damit zum Anschwellen der Geld- und Geldvermögensbestände. Dient das Tauschmittel also nicht mehr seinem ursprünglichen Zweck und wird der Wirtschaft durch Sparen entzogen, dann ist das schädlich. Ob Guthabenzinsen dem Geldsystem schaden oder nicht hängt davon ab, ob der Zinsempfänger diesen Zins weiter spart oder konsumiert. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Sparer den Zins weiterspart ist natürlich viel größer, weil der damit verbundene Leistungsverzicht (das Sparen) vermögenderen Menschen leichter fällt als weniger vermögenden Zinsempfängern.
Auch wenn der Zins - wie geschildert - in der Realität bei fälligen Zinszahlungen nicht zwangsläufig fehlt und das Sparen ein verhältnismäßig triftigerer Grund zum Zwang zur Neuverschuldung ist, so ist der Zins dennoch nicht "frei von Schuld": ein Zinsanteil in fast jedem Güterpreis begründet eine Umverteilung (siehe auch Erläuterungen im Artikel Ein System mit Verfallsdatum), da ca. 80% der deutschen Bevölkerung "Nettozinsverlierer" sind. Das bedeutet, dass ca. 80% der deutschen Bundesbürger mehr Zinsen zahlen (den Zinsanteil in Warenpreisen, Zinsen für aufgenommene Kredite, indirekt auch die Zinslasten des Staates durch Steuerabgaben), als sie einnehmen (z.B. Guthabenzinsen). Dies ist der implementierte Umverteilungsmechanismus in unserem Geldsystem.



Besten Dank an Tobias Deiters und Axel Grimm, sowie Wolfgang Waldner und
Christoph G. Brandstetter für Textgrundlage + Grafiken
http://wiki.piratenpartei.de/AG_Geldordnung_und_Finanzpolitik
http://www.open-mind.at/index.php/Bild:Sparen_%26_Verschuldung.jpg
Creative Commons Lizenzvertrag
Diese(s) Werk bzw. Inhalt von Patrick Seabird steht unter einer Creative Commons Attribution 3.0 Unported Lizenz.