Wer mehr tut, bekommt auch mehr…not!

Eine der Versprechungen der Marktwirtschaft ist, dass diejenigen, die mehr tun, auch mehr bekommen. Es sei dies der Nachteil von anderen Systemen, in denen die Verteilung gleichmäßig erfolge. Aber: Stimmt das überhaupt?

Zuerst muss man sich überlegen, was es bedeutet, „mehr zu tun“. Mehr von etwas tun, bedeutet in der Marktwirtschaft automatisch, mehr verkaufen. Warum? Weil sich das „etwas“ erst im Verkauf realisiert. Anders gesprochen: Eine Ware, die ich nicht verkaufen kann, ist keine Ware. Ob es eine Ware war, sehe ich erst nach einem Verkauf.

In den wenigsten Fällen kann ich das Produzierte auch noch selber konsumieren (wie zum Beispiel bei Lebensmitteln), aber auch nur in geringsten Mengen. In den meisten Fällen arbeitet man für andere, stellt es rein für andere her. Meistens kann man selber mit dem Hergestellten gar nichts anfangen, sondern man produziert es nur für den Verkauf. Also: nur wenn ich mehr verkaufe, bekomme ich mehr, verdiene ich mehr. Ich kann noch und noch so viel tun. Solange mir niemand mehr dafür gibt, war alles umsonst.

Das heißt: Wer mehr tut und für dieses mehr auch jemanden findet, der es kauft, bekommt mehr. Und erst wenn man jemanden gefunden hat, der es kauft, war das Produzierte ein Etwas. Vorher war es ein Sinnloses Nichts, bestenfalls ein gescheiterter Versuch eines Produktes, aus dem man lernen kann. Mehr Erfahrungen habe ich durch dieses gescheiterte Produkt bekommen, aber nicht mehr Materielles!

Das heißt, je mehr oder teurer ich verkaufen kann, desto mehr bekomme ich. Mehr oder teurer verkaufen kann ich eventuell, wenn ich mehr tue, mich also mehr anstrenge. Das muss aber nicht sein.

  • Es kann auch Glück im Spiel sein. Wer mehr Glück hat, verkauft und bekommt mehr.
  • Es kann auch sein, dass ich Grund und Boden besitze und dieser mehr natürliche Güter abwirft. Also: Wer mehr Grund und Boden besitzt, bekommt mehr.
  • Es kann sein, dass ich besser verhandeln kann als andere. Also wer besser Verträge aushandeln kann, bekommt mehr.
  • Wer berühmter ist, bekommt oft mehr.
  • Wer mehr dem Schönheitsideal entspricht, verdient oft mehr.
  • Wer bei seinem letzten Job schon viel bekommen hat, bekommt eventuell mehr.
  • Wer besser netzwerken kann und die richtigen Leute kennt, bekommt oft mehr.
  • Wer das eine Geschlecht hat, verdient oft mehr, als wenn er das andere hätte. 
  • Wer skrupelloser ist, bekommt oft mehr. Warum? Weil da die Konkurrenz meist nicht so groß ist. Deshalb ist ja Waffenproduzent oder Hedgefonds-Mitarbeiter sehr lukrativ. 
  • Schließlich: Wer schon viel hat, bekommt leichter mehr. Man nennt dies den Matthäus-Effekt. Das ist das, was man überlicherweise unter „Geld für sich arbeiten lassen“ versteht. Die erste Million ist die schwerste. Die zweite schon leichter. Und so weiter. Geld und Kapital wirft Zinsen ab. Daher gilt auch: Die, die viel haben, bekommen mehr.

Auch in der internationalen Arbeitsteilung kann man beobachten, dass andere Dinge als „mehr tun“ zu mehr Erfolg führen:

  • Wer besser Geheimnisse für sich behalten kann, bekommt oft mehr. Siehe Bankgeheimnis in der Schweiz.
  • Wer die meisten Waffen hat und bessere internationale Regeln erzwingen kann, bekommt eventuell mehr.Beispiele kann sich jeder selber ausdenken.
  • Wer zufällig an bestimmten geographischen Orten liegt, bekommt oft mehr, siehe Suezkanal oder Brennerpass-Maut.

Die Aussage „Wer mehr tut, bekommt auch mehr“ stimmt also nur unter gewissen Voraussetzungen.
Die erste wäre, dass man „tun“ sehr weit fasst. So weit, dass es beinahe keinen Sinn ergibt. Zum Beispiel wenn man Erben oder Glück haben unter das Wort „tun“ zählen möchte, was vermutlich niemand ernsthaft macht.

Zweitens, dass das Tun immer mit dem Verkauf zusammenhängt. Wer mehr verkauft, bekommt auch mehr.Wer mehr tut, aber nichts verkauft, bekommt auch nichts.

Damit möchte ich natürlich nicht sagen, dass mehr tun per se vollkommen irrelevant wäre. Mehr tun kann natürlich dazu beitragen, auch mehr zu bekommen. Ich möchte auch nicht andere Systeme propagieren, wo obige Verhältnisse noch verstärkter zu einem Mehr verhelfen können. Alles, was ich sagen möchte, ist, dass man sich fragen muss, ob die Aussage „Wer mehr tut, bekommt auch mehr“ nicht zu vereinfacht, zu viele Aspekte ausblendet und daher reine Propaganda darstellt.

Warum ich in Thailand so reich bin

Auf meinen Reisen durch Südostasien und Nepal beschäftigte mich eine Frage quälend: Wie konnte es sein, dass ich in diesen Ländern wie ein König leben konnte? Wieso gehörte ich in Europa mit meinem bescheidenen Gehalt zum unteren Drittel der Einkommensbezieher, war in Asien jedoch damit sicherlich im obersten?

Warum kann beispielsweise ein Taxifahrer aus Österreich nach Thailand fahren und dort lange gut leben, für einen Menschen, der die selbe Tätigkeit in Thailand ausübte, ist es jedoch verwehrt nach Österreich zu kommen? Sie beide machen die selbe Arbeit, sind innerhalb ihrer Länder eventuell gleichgestellt, wenn sie die Ländergrenzen jedoch überqueren, so gibt es riesen Unterschiede. Das durfte doch in einem international kapitalistisch vernetzten System nicht der Fall sein...Es musste irgendwie am Geldsystem hängen. Ich konnte mir das jedoch nicht erklären.

Auf die - zugegebenermaßen simple - Lösung kam ich durch das Buch "23 Lügen, die sie uns über den Kapitalismus erzählen" von Ha-Joon Chang. Auf Seite 144 gibt er die Lösung:
"Solche Unterschiede entstehen vor allem deshalb, weil Umtauschkurse zum großen Teil von der Nachfrage nach international gehandelten Gütern und Dienstleistungen bestimmt werden (wenngleich auch Devisenspekulation kurzfristig die Wechselkurse beeinflussen können). Die Kaufkraft einer bestimmten Summe in einem bestimmten Land richtet sich hingegen nach den Preisen aller Waren und Dienstleistungen und nicht nur nach denen der international gehandelten."
Klar: Der Wechselkurs kommt durch die Nachfrage nach der jeweils anderen Währung zustande. Wollen mehr Menschen aus dem Ausland zum Beispiel deutsche Waren kaufen, so müssen sie zunächst ihre Währung in Euro wechseln. Sie verkaufen quasi ihr Geld und kaufen europäisches. Durch das verstärkte Angebot ihres Geldes sinkt dessen Preis und durch die verstärkte Nachfrage nach dem Euro steigt dessen Preis.

Wenn daher Ausländer aus welchem Grund auch immer (es kann ja auch sein, dass sie die Währung nur als "Wertaufbewahrung" horten wollen, wie z.B. beim Dollar) mehr der Währung nachfragen, so steigt diese im Vergleich zu den anderen Währungen. Innerhalb des Landes jedoch werden die Preise durch die üblichen Abläufe festgesetzt: Entweder durch Verhandlungen am Markt, oder staatlich festgesetzt.

Es kommt dabei auch auf die Art der Ware an. Chang schreibt wiederum (144f.):
"Die wichtigsten unter den nichtgehandelten Dingen sind die sogenannten personenbezogenen Dienstleistungen, etwa Taxifahrten oder die Bedienung im Restaurant. Handel in diesen Bereichen erfordert internationale Migration, doch wird diese durch Einwanderungsbeschränkungen stark begrenzt, sodass die Preise für solche Dienstleistungen in verschiedenen Ländern am Ende ganz unterschiedlich ausfallen [...]. Wenn man international gehandelte Waren wie Fernseher oder Mobiltelefone betrachtet, ist der Preis in allen Ländern, ob arm oder reich, ungefähr der gleiche."
Genau diese Beobachtung konnte ich auch machen. Die Laptops und Handys waren nicht wirklich billiger in Thailand. Diese werden international gehandelt, daher gibt es trotz Umrechnungskurs keinen Preisvorteil.

Ich profitierte also bei meinen Reisen davon, dass Europas Währung so stark nachgefragt wurde im Ausland, dass europäische Produkte so gefragt sind von Ausländern - ohne dass ich unbedingt selber etwas dazu beigetragen hätte. Es scheint somit zwei Gründe für diesen Unterschied zu geben: Erstens, dass wir unterschiedliche Währungen haben. Zweitens, dass Migration beschränkt ist. Zwei Machtmittel, die manche zu Königen, andere zu Dienern machen...
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