Investieren, Konsumieren, Kapitalismus…

Antworten auf Fragen wie „Was ist Investieren?“ und „Was ist Konsum?“ hängen stark mit unserem Bild von Wirtschaft und Kapitalismus zusammen. Je nachdem, wie man darauf antwortet, kann man zu einer eher kapitalismuskritischen oder –positiven Sichtweise kommen. Ich habe mir diese Fragen ausführlich selber gestellt. Ohne zu einem vollends zufriedenstellenden Ergebnis zu kommen, bin ich auf folgende Gedanken gestoßen.

Ich las gerade Keynes „General theory of employment, interest and money“ im Original. Werke selber zu lesen kann einem oft die Augen öffnen. Ich kann es nur jedem empfehlen. Viele Diskussionen würden vermutlich anders laufen, hätten die Protagonisten einen Blick ins Ursprungswerk geworfen. Gerade book I des besagten Werks kann ich beispielsweise allen Liberalen und Libertären empfehlen, die davon ausgehen, dass sich im Markt schon Vollbeschäftigung einstellen wird, wenn man ihn nur „in Ruhe“ lässt. Keynes widerlegt dieses Gerücht auf sehr ausgefeilte Art und Weise. Aber zu unserer Ausgangsfrage:

Ich weiß, dass Keynes in diesem Buch die Gleichung „Sparen = Investieren“ volkswirtschaftlich meint (Keynes, John Maynard: „The general theory of employment, interest and money“, New York: Prometheus books, 1997, S.63). Ich möchte hier vorerst von der individuellen Sicht starten und auch davon ausgehen, dass Sparen und Investieren ein und dasselbe sind, auch wenn man hier natürlich Feinabstufungen vornehmen könnte. Aber was bedeutet Investieren im Gegensatz zu Konsumieren?

Man könnte als erste Annäherung konstatieren, Investment definiert menschliche Verträge und Schuldverhältnisse, die zeitlich unbegrenzt sind oder zumindest lange Zeit überdauern. Es besteht als zwischenmenschliches Verhältnis. Das beste Beispiel ist ein klassischer Vertrag. Auch Dienstverhältnisse könnte man darunter subsumieren. Der selbst ernannte Investment-Guru Robert Kiyosaki würde Vermögen und damit Investments so definieren: „Something, that puts money in your pocket“ (wobei dieses „something“ natürlich eigentlich somebody ist, der Geld in deine Taschen steckt!). Wenn ich also meine Arbeitsleistung in etwas tausche, das in obige Kategorien fällt, so investiere oder spare ich. Nehmen wir das klassische Sparbuch. Es stellt eigentlich ein Schuldverhältnis der Bank mir gegenüber dar. Oder eine Aktie könnte man als übertragbaren Vertrag, zwischen den Mitarbeitern eines Unternehmens und mir, verstehen. Laufen die Geschäfte gut, so zahlen mir diese Mitarbeiter eventuell bis in alle Ewigkeit einen Obolus.

Die Idee von Sparen ist, dass ich die geleistete Arbeit irgendwie konserviere. Ich möchte nicht gleich alles sofort in verbrauchbare Dinge tauschen, sondern das erst irgendwann in der Zukunft machen. Ich möchte also „Wert erhalten“ – auch wenn das keine glückliche Formulierung ist. Somit könnte man auch Geld selber in die Kategorie „Sparen“ stecken. Schließlich stellt Geld in der heutigen Form einen Schuldschein dar, der ein zwischenmenschliches Verhältnis begründet.

Konsum hingegen ist von seiner Nutzbarkeit her zeitlich begrenzt. Er „rostet“, um Gesells Sprache zu verwenden. Er wird weniger oder verbraucht sich. Es ist ein Gegenstand oder eine einmalige Dienstleistung. Wenn ich Nahrungsmittel kaufe, so konsumiere ich. Oder wenn ich mir ein Auto kaufe. Es wird weniger wert, nützt sich ab und zerfällt irgendwann in seine Einzelteile. Beim Konsum endet das menschliche Verhältnis nach dem Kauf oder Verkauf. Man besitzt dann einen Gegenstand, der mehr oder weniger schnell rostet und verfällt.

Es gibt auch Dinge und Konstellationen, die dazwischen fallen - die zwar Sparen oder Investieren sind, aber keine unmittelbare menschliche Schuld beinhalten. Diese können Rendite abwerfen bzw. „Wert erhalten“ (sprich man bekommt später wieder Arbeitsleistung im Austausch dafür) Und das, ohne dass jemand eine Schuld abarbeiten muss oder sich in ein Abhängigkeitsverhältnis begibt. Beispiele wären Grund und Boden inklusive „grüner Rendite“ (im Sinne von Naturalien), Edelmetalle, Kunstgegenstände und sonstige Gegenstände, die vielleicht zukünftig begehrt werden, wie Weine,…

Folgende Grafik fasst obiges noch einmal zusammen:

Nachdem wir so zwischen Konsum und Sparen unterschieden haben, können wir definieren, was einen Kapitalisten ausmacht. Ein Kapitalist ist einer, der es geschafft hat, Schuldverhältnisse und Verträge so zu seinen Gunsten einzurichten, dass er grob gesprochen immer mehr bekommt. Dass er also „von den Zinsen leben“, sein „Geld für sich arbeiten lassen“ kann. Er hat und bekommt ohne zusätzliche Arbeit für andere ständig mehr und teilweise so viel, dass er es bis an sein Lebensende gar nicht mehr konsumieren könnte. Gibt es keine gegensteuernden Erbgesetze, so können sich solche Verhältnisse über Generationen festigen und das, obwohl die Kinder und Enkel nichts zu ihrer Situation ursprünglich betrugen. Dementsprechend finden sich jedoch andere in der gegenteiligen Lage, in der sie nichts für die bestehenden Verhältnisse können, jedoch trotzdem Schulden abtragen müssen.

Kapitalisten im obigen Sinne werden aus verschiedenen Gründen moralisch verurteilt. Einerseits stellen Gier und Geiz traditionell und religiös geprägt Sünden dar. Das Immer-Mehr-Wollen und Horten und das auf Kosten anderer ist verurteilenswert. Der Kapitalist möchte mehr, nur um mehr zu haben. Er sieht seinen Nachbarn verhungern und es ist ihm trotzdem - vielleicht aus Angst vor Verlust - wichtiger, die bestehenden Verhältnisse aufrecht zu erhalten.

Der Kapitalist ist auch deshalb so verschrien, weil er es schamlos ausnützt, dass er sich in einer besseren Verhandlungsposition befindet. Er kann für sich bessere Verträge aushandeln, weil er am längeren Arm sitzt. Er hat mehr als genug und nützt es aus, dass andere zu wenig haben. Er beutet damit die Zwangslage anderer aus. Das muss nicht so sein, kommt jedoch oft genug vor. Gesellschaftsordnungen, die ein solches Verhalten nicht nur nicht bestrafen, sondern sogar unterstützen, dürfen in meinen Augen zu Recht als unmoralisch und unmenschlich bezeichnet werden. Der strenge Schutz von Eigentum (an Verträgen, Arbeits- und Schuldverhältnissen) stößt hier an seine zu missachtende Grenze, besonders wenn er unter dem Deckmäntelchen der „Freiheit“ daherkommt.

Im Neoliberalismus (wie er als Kampfbegriff eigentlich fälschlicherweise in der heutigen Bedeutung verwendet wird) wird dieses Prinzip so auf die Spitze getrieben, dass sich die Kapitalisten der ihnen durch die etablierten gesellschaftlichen Verhältnisse zukommende Macht nutzen, um auf die hohe Politik einzuwirken und somit die gemeinschaftlichen Regeln zu ihren Gunsten derart zu verändern, dass ihre Vormachtstellung ausgebaut oder zumindest erhalten bleibt (siehe Bankenrettungen, Geldschöpfung, EU, Monsanto, Zollpolitik, usw.…)

Was ist der Ausweg aus diesen menschenverachtenden Systemen? Erstens darf nicht das Ziel sein, mittels Investments im klassischen Sinne anzusparen. Diese stellen meistens Abhängigkeitsverhältnisse und damit Unfreiheiten anderer dar. Stattdessen sollte man versuchen, vorsichtig in oben erwähntes „Zwischending“ zu investieren. In Gegenstände, welche zwar möglicherweise „Wert erhalten“, deren Lagerung jedoch niemandem Schaden zufügen. In nachhaltige Naturverhältnisse anstatt unnachhaltige zwischenmenschliche. In einen Permakulturgarten beispielsweise, dessen Erträge man unter sich und seinen Mitmenschen aufteilt. Schuldverhältnisse sind generell zu vermeiden. Man sollte selbstredend unterlassen, die eigene Verhandlungsmacht vollkommen auszureizen. Weiters sollte man möglichst viel seiner Leistung denen widmen, die am untersten Ende stehen. Spenden und Geschenke sind hier das oberste Gebot.

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