Augur – ein Exkurs in wirtschaftswissenschaftliche Erkenntnistheorie


Eine neue digitale Innovation erblickt das Kryptogeld-Firmament: Augur. Es ist dies eine Art Spekulationswährung, die auf der Technologie beruht, welche ursprünglich über Bitcoin populär gemacht wurde, nämlich der Blockchain. Auf der Seite von Augur heißt es:
„Welcome to the future of forecasting“



Augur verspricht viel. Der Einsatz soll nämlich zu genauen Vorhersagen führen. Dafür soll die Weisheit der Massen angezapft werden. Um das zu tun kann man auf das Eintreffen von bestimmten Ausgängen unsicherer zukünftiger Ereignisse wetten.


Auf Wikipedia heißt es dazu:

„The Augur project seeks to leverage the open, global, peer-to-peer ledger functionality that blockchain technology provides, as well as game theory and financial incentives, to better explore the concept of the wisdom of crowds (also known as collective intelligence) and try to get more accurate predictions about future events.“

Es soll also mit Hilfe von Schwarmintelligenz, finanziellen Anreizen und der Bitcoin-Technologie eine genauere Vorhersagbarkeit von Ereignissen ermöglicht werden. Es wird um Geld gewettet. Wenn man korrekt wettet, so wird man belohnt. Tippt man falsch, so wird man bestraft und verliert Geld. Durch dieses System wollen die Entwickler von Augur korrekte Vorhersagen durch Marktmechanismen hervorbringen.


Dieses Video erklärt den Mechanismus:




Dies hört sich zu gut an, um wahr zu sein. Und ist es wahrscheinlich auch.


Denn das Prinzip ist das folgende. Nehmen wir als Beispiel eine Bundespräsidentschaftswahl, zu der zwei Personen antreten.


Jeder könnte eine Wette erstellen, zum Beispiel: Wird es Kandidat A oder wird es Kandidat B?


Nun können die Marktteilnehmer ihre Wetten dadurch abschließen, dass sie entweder A-Teile kaufen oder B-Teile. Je mehr Menschen auf A setzen, desto teurer wird Antwortmöglichkeit A werden. Angenommen, 64% glauben, dass A Präsident werden wird. Dieses wird den Preis von A-Anteilen in die Höhe steigen lassen und den Preis von B-Anteilen fallen lassen. Tritt tatsächlich Fall A ein, so hat man den A-Anteil eventuell bei 64 Cent gekauft. Man bekommt jedoch 1 Euro zurück, da das Geld der Verlierer (36 Cent) umverteilt wird auf die Gewinner.


Angenommen, alle glauben dass Kandidat A Präsident wird. Dann wird der Kurs der A-Anteile so hoch steigen, dass man im Falle des Gewinns von A genau so viel gewinnt, wie man bezahlt hat.


Die genaue Vorhersagbarkeit soll daher kommen, dass einerseits sehr viele Marktteilnehmer richtiger liegen sollen als nur einer (Weisheit der Massen). Andererseits soll durch den finanziellen Anreiz sichergestellt werden, dass die Leute ihr Geld in die wahrscheinlichere Möglichkeit geben.
„Put your money where your mouth is“ 
– wie man im Englischen sagt.

Warum ich glaube, dass Augur nicht funktioniert?


Ich glaube jedoch, dass dieses Prinzip zum Scheitern verurteilt ist. Und zwar nicht nur, weil ich die Argumente gegen die Schwarmintelligenz teile, die hier gut zusammengefasst sind.


Um meine Kritik zu verstehen, wollen wir einen Exkurs in wirtschaftswissenschaftliche Erkenntnistheorie unternehmen.


Wirtschaftswissenschaften sind Sozialwissenschaften. Wenn wir Wirtschaftswissenschaften betreiben, so untersuchen wir menschliches Zusammenleben, also kurz gesagt, uns selber. Jede wirtschaftswissenschaftliche Aussage ist eine Aussage über Menschen und damit über uns. Und genauso, wie jede Nachricht mehrere Seiten hat (Sachebene, Appellseite, Beziehungsseite und Selbstkundgabe nach Schulz von Thun), so offenbart jede wirtschaftswissenschaftliche Aussage auch viel über denjenigen, der sie tätigt.


Des Weiteren sind die Ergebnisse der Wirtschaftswissenschaften rückbezüglich. Die Resultate der Forschung wirken wieder in die Köpfe der Menschen zurück und beeinflussen das Handeln. Selbsterfüllende oder selbstaufhebende Prophezeiungen sind an der Tagesordnung. Die vorhergesagte Krise kommt meist nicht. StudentInnen der Wirtschaftswissenschaften agieren nach dem Studium tendenziell egoistischer als davor, weil die Theorie des Homo oeconomicus, welcher auf seinen Vorteil achtet, gelehrt wurde.
Beschreibung wird zur Handlungsanweisung, aus dem Sein das Sollen geschlossen.


Um es auf das Thema Augur herunter zu brechen kann man auch auf eine Beschreibung von Keynes zurückgreifen. Keynes beschreibt ein Experiment eines Schönheitswettbewerbes, bei dem es nicht nur auf die Schönheit der Kandidaten ankommt, sondern auch auf die Frage, wen alle anderen schön finden.


„Das Modell erhielt seinen Namen in Anlehnung an frühere mit Schönheitswettbewerben verknüpfte Preisausschreiben in amerikanischen Zeitungen. Der Gewinn wurde bei diesen Preisausschreiben unter den Teilnehmern verlost, die unter den zur Wahl stehenden Fotos das ausgewählt hatten, das auch von den meisten anderen als das schönste ausgewählt worden war.“

Erinnert ein wenig an Augur, oder?




Das Problem ist nämlich bei Augur genau dieses: Dass man irgendwann einmal nicht mehr auf den Ausgang des Ereignisses wettet sondern nur darauf, was alle anderen wetten. Und nicht momentan wetten, sondern wetten werden. Ich gewinne bei Augur mehr Geld, wenn ich nicht auf das tatsächliche Ereignis wette sondern darauf, dass ich vorhersagen kann, was alle anderen wetten werden. Problematisch ist, dass dies auch die anderen Marktteilnehmer machen. So rückt das tatsächliche Vorhersageproblem in den Hintergrund und es wichtiger, das Verhalten anderer zu erahnen. Und zu erahnen, was sie über einen selber erahnen. Gerade diese Rückbezüglichkeit ist das Problem vieler Blasenbildungen an den Märkten.


Das Problem von Augur ist damit das gleiche wie in den Wirtschaftswissenschaften. Dass Theorien über die Menschen auch von Menschen gelesen werden können und damit wieder ihr Verhalten beeinflussen können, was wiederum die Beobachtung der Wirtschaftswissenschaften verändert. Oder bei Augur: Dass die Prognose darüber, was die anderen Menschen kaufen werden, mein Verhalten verändert, was wiederum die Prognosen der anderen verändern kann und damit wiederum ihr Kaufverhalten. Von diesem Kaufverhalten erschließen sich dann mir wiederum andere Prognosen. Und so weiter.


An diesem erkenntnistheoretischen Zirkel scheitert das reale Prognoseverhalten der Teilnehmer von Augur.


Und wäre das nicht genug, so gibt es ein weiteres Problem. Das Prinzip von Augur lebt eigentlich davon, dass sich die Masse nicht einig ist. Wenn sich alle einig sind, dass ein gewisses Ereignis eintritt, so gibt es nichts zu verdienen. Augur ist auch Spekulationsware. Es gibt Anreize, gegen die Masse zu wetten. Selbst wenn der Großteil der Wettteilnehmer nur auf das zukünftige Ergebnis schaut und nicht auf die anderen Marktteilnehmer, so ist es interessant, gegen die Masse zu wetten, da die Gewinnchancen steigen. Alleine dies hebt die Vorhersagegenauigkeit für das tatsächliche Eintreten teilweise auf. Und dadurch, dass das viele Marktteilnehmer wissen, fließt dieses Wissen genau so in die Marktpreise und damit in die Vorhersagen ein. (Ob dies wiederum für die Wirtschaftswissenschaften gilt, habe ich noch nicht durchgedacht, aber vermutlich trifft es auch zu: Wirtschaftswissenschafter, die Prognosen erstellen, die gegen den Mainstream sind, werden nachher umso höher gefeiert, wenn ihre Prognose tatsächlich eintritt, siehe bspw. Max Otte)


Fazit:



Augur hört sich schön an. Wer möchte nicht genauerer Prognosen in dieser unsicheren Welt? Auch die Herangehensweise ist eine interessante. Die Entwicklung der Blockchaintechnologie lässt Innovationen wie diese entstehen, die tatsächlich Potenzial haben, die Welt zu verändern. Die Kombination von Schwarmintelligenz, Blockchain, Prognosetool und Spekulationstool ist eine mutige. Ob sie tatsächlich für bessere Prognosen taugt, wird sich zeigen.
Ich zweifle daran.
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